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Amazonas-Synode

Bischof Bernardo Johannes Bahlmann

Bischof Bernardo Johannes Bahlmann

Zum Interview:
Gedanken zum Sonntagsevangelium – 24. Sonntag im Jahreskreis

Alles auf den Kopf gestellt

Hoffentlich ist Gott auch so aktiv (und noch aktiver) im Nachgehen und Suchen nach denen, die verloren erscheinen. Hoffentlich stellt er alles auf den Kopf, um uns zu suchen, so wie die Frau aus dem Evangelium.

Evangelium

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen. Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben. Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet? Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte! Ebenso sage ich euch: herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.     

Lukas 15,1–10 

Ich denke an einen Mann, den ich in der Klinik kennengelernt habe. Seine schwere Krankheit bringt ihm über kurz oder lang den Tod, bevor er ein begnadetes Alter erreichen wird. Er ist ein lustiger Kerl. Aus einem Nachbarland kommend, spricht er mit mir in holprigem Deutsch. Sponta duzt er mich: Seelsorger bist du? Ich glaub‘ nicht an Gott. Ich bin nicht in der Kirche. Aber ich bin kein böser Mensch. Ich bin lustig. Kannst du ein bisschen bei mir sitzen?

Ich besuche ihn immer wieder an mehreren Tagen hintereinander. Wir sprechen über sein Leben, was er alles gemacht hat. Gemessen an unseren moralischen Vorstellungen könnte es für ihn knapp werden mit dem ewigen Leben: Da waren verschiedene Affären, Probleme im Respekt vor dem Eigentum anderer, Kontakte mit der Polizei wegen diverser Drogen.

Ob er wohl auch zu jenen gehört hätte, von denen am Anfang des Evangeliums die Rede ist: „... kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören“?

Ich habe nicht zu entscheiden, wohin er gehört.

Die Lage des kranken Mannes spitzt sich zu. Die Oberärztin sagt mir, dass er bald sterben wird. Ich frage ihn, ob wir noch etwas besprechen sollen. „Nein, aber ich wünsch‘ mir, dass du dabei bist, wenn ich sterbe“, antwortet er. Ein bisschen fühle ich mich unsicher, wenn mir „mein übliches Werkzeug“ nicht zur Verfügung stehen darf und kann, denn Gebet und Segen will er nicht. Aber dabei sein, das wird wohl möglich sein.

Schließlich ist der Mann gestorben, und es war möglich für mich, dabei zu sein. Ganz allein sind wir im Zimmer. Gelegentlich schaut ein Pfleger herein. Der Putzmann fegt den Boden.

Der Patient kann längst nicht mehr sprechen, und es ist ja auch schon alles gesagt. Eine Kerze habe ich angezündet. Das hat er erlaubt. Ich fange an, für ihn zu hoffen: Suchen, bis gefunden ..., mehr Freude wird herrschen im Himmel ..., verloren und wiedergefunden ..., bei den Engeln Gottes ..., Lampe angezündet, gefegt, sorgfältig gesucht ...

So richtig umgekehrt ist er nach unseren Vorstellungen wohl nicht. Ob das wohl reicht? Aber andererseits: Das verlorene Schaf aus dem Evangelium hat auch nicht viel dazu beigetragen, dass der Hirte es findet.

Es stolpert halt so vor sich hin und damit von ihm weg. Der Hirte ist der aktive. Er macht sich auf die Suche. Er entscheidet sich, dem Schaf nachzugehen, bis er es findet. Hoffentlich ist Gott auch so aktiv (und noch aktiver) im Nachgehen und Suchen nach denen, die verloren erscheinen. Hoffentlich stellt er alles auf den Kopf, um uns zu suchen, so wie die Frau aus dem Evangelium. 

Kurz huschen die Patientinnen und Patienten gedanklich durch meinen Kopf, die ich nicht besucht habe, während ich am Bett des lebenslustigen, „nichtgläubigen“ Ausländers gesessen habe, und die mehr Wert gelegt hätten auf „mein übliches Werkzeug“. Ich hoffe, dass sie mit mir gnädiger umgehen, als die Pharisäer und die Schriftgelehrten mit Jesus.

Nicht nur für ihn, auch für die vielen anderen „Zöllner und Sünder“, „Pharisäer und Schriftgelehrten“, und vor allem auch für mich selbst hoffe ich auf – wie im Evangelium beschrieben – „mehr Freude“, die herrschen wird „über einen einzigen Sünder, der umkehrt ...“

Christian Hohm („christian.hohm@bistum-wuerzburg.de“) ist Seelsorger am Universitätsklinikum Würzburg.

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