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Grundschulung „Prävention sexualisierte Gewalt“ – Man erlebt so manche Gratwanderung und erfährt viel über sich selbst (Teil 2)

Zwischen Nähe und Distanz

Samstagmorgen im Würzburger Burkardushaus. Die 16 Männer und Frauen, die sich für die Grundschulung „Prävention sexualisierte Gewalt“ angemeldet haben, könnten unterschiedlicher kaum sein: Drei junge ReligionslehrerInnen aus dem Bistum, eine Theologiestudentin, ein Augustiner-Bruder, acht junge Priester und Theologiepromovenden aus Afrika und Indien, Domkapitular Dietrich Seidel, eine Radiojournalistin vom Bayerischen Rundfunk und ich.

In den Gesichtern der im Rund sitzenden Teilnehmer zeichnet sich Spannung, Neugier, aber auch Unsicherheit ab. Was erwartet mich in den nächsten vier Stunden? Betrifft mich das überhaupt? Bin ich jetzt verdächtig? Referentin Ingrid Schreiner spürt das und schickt uns mit einem Zitat von Erika Kerstner ins Zentrum des Themas: „Seelsorge braucht hilfreiche Nähe und notwendige Distanz zugleich“, steht auf dem Plakat. Manche in der Runde nicken, die Spannung löst sich ein wenig. Diese Gratwanderung scheint einigen bekannt zu sein.

Reise in die eigene Kindheit

Dann lädt Ingrid Schreiner zu einer Reise in die eigene Kindheit ein. „Versetzen Sie sich zurück in ein Alter, an das Sie sich gut erinnern können und kreuzen Sie an: Wer durfte mir die Hand geben? Wer durfte ein Geheimnis von mir wissen? Wer durfte im Zimmer sein beim Umziehen? Wer durfte mich auf den Mund küssen? Vater, Mutter, Geschwister, FreundIn, Jugendgruppe, Lehrer, alle oder keiner?“ Zögerlich werden die ersten Kreuze gemacht, und obwohl die Ergebnisse nicht in der Runde besprochen werden, wird klar: Meine Grenzen sehen ganz anders aus als die meines Nachbarn. Und: Was ich mit sieben als normal empfunden habe, war vielleicht mit 16 undenkbar. Ein erster Aha-Effekt geht durch die Runde: „Nur wenn ich sensibel für mich selbst bin, kann ich auch die Grenzen anderer beachten.“

Im nächsten Teil präsentiert Ingrid Schreiner Zahlen und Fakten zu sexualisierter Gewalt in Deutschland – erschreckend und beschämend zugleich: rund 12000 Anzeigen weist die Kriminalstatistik jedes Jahr aus, das sind 33 am Tag – die Dunkelziffer ist höher. 20 Prozent aller Kinder erleben bis zum 18. Lebensjahr einen Übergriff. Religionslehrer Andreas Schrott spricht aus, was auch mir durch den Kopf schießt: „Bisher dachte ich, das betrifft mich nicht, doch die Zahlen machen deutlich: Es ist ganz nah.“

Planvoll und berechnend

Anhand eines konstruierten, aber übertragbaren Beispiels illustriert Schreiner dann, wie planvoll und berechnend Täter vorgehen: Wie der nette Nachbar der alleinerziehenden Mutter Mathenachhilfe für den Sohn anbietet, wie er testet, wie weit er gehen kann, seine Umwelt manipuliert, das Opfer verunsichert, es zur Geheimhaltung anhält und isoliert. Fazit: Sexualisierte Gewalt passiert nicht zufällig, Täter nutzen ihre Machtposition rücksichtslos aus. Die Folgen begleiten das Opfer oft ein Leben lang: Unsicherheit, Abkapselung, Schuldgefühle, Scham, Angst, Ohnmacht.

Auf Augustiner-Bruder Michael wirkt das kleinschrittige und gezielte Vorgehen des Täters „ungeheuer brutal“. Auch Theologiestudentin Sarah Trommler zeigt sich schockiert: „Die Zahlen sind krass. Einfach unvorstellbar, dass man Beziehungen für so etwas aufs Spiel setzt.“ Nach so viel Theorie geht es jetzt in die Praxis: Ingrid Schreiner schildert einige exemplarische Situationen, die wir auf einer im Raum gedachten Skala zwischen „Grenzverletzung“ und „Das ist okay!“ für uns einordnen sollen.

Dass der Lehrer während einer Klassenfahrt ohne Anklopfen ins Zimmer kommt, finden die meisten weitgehend in Ordnung. Religionslehrerin Martina Bäuerlein begründet ihre Entscheidung mit dem Schutzauftrag und dem damit verbundenen Kontrollanliegen des Lehrers. Zweifel bezüglich des Eindringens in die Privatsphäre bleiben ihr aber dennoch. Schwieriger wird das Kopfkino bei der Szene, in der ein Priester während eines Trauergesprächs die Tochter des Verstorbenen in den Arm nimmt. Bruder Michael meint: „Ich würde das brauchen. Umarmungen trösten mehr als Worte.“ Bill Augustin Mikambu aus dem Kongo und Benjamin Pereira aus Indien würden sich sehr zurückhalten: „In meiner Heimat wäre das kein Problem, aber hier in Deutschland muss ich vorsichtig sein“, beschreiben beide den persönlichen Zwiespalt.

Verunsicherung gehört dazu

Zu keiner eindeutigen Lösung kommt die Gruppe beim Zeltlager, bei dem es nur eine Duschmöglichkeit gibt und die die Betreuer einmal am Tag mit den Mädchen und den Jungs nutzen. Einige können sich nicht festlegen, andere verändern ihre Positionen im Laufe des Gesprächs mehrmals. Wir spüren: Es ist wichtig, dass man sich austauscht. Während die jungen Deutschen sich durch die Impulse ermutigt fühlen, sich immer wieder zu beobachten und ihr Verhalten zu kontrollieren, wirken die Priester aus Afrika verunsichert.

Stephen Egwu und Louis Odidi aus Nigeria hat die Schulung die massiven Kulturunterschiede noch einmal vor Augen geführt: „Bei uns zu Hause nehmen wir die Kinder in den Arm, alle schlafen in einem Raum, die Stimmung ist ungezwungen und locker. Hier aber müssen wir uns ganz anders verhalten. Wir müssen aufpassen und vorsichtig sein“, sagen die beiden. Dass Verunsicherung dazugehört, weiß Ingrid Schreiner: „Nach so viel Input ist es ganz normal, dass man sich erst wieder neu ausbalancieren muss.“

Die Botschaft solle keineswegs sein: „Sie dürfen keine Menschen mehr anfassen!“ Vielmehr gehe es darum, achtsam zu sein. Auch Rezepte kann und will sie nicht geben, denn: „Die eigene Beschäftigung mit dem Thema ist ein wesentlicher Teil des Sensibilisierungsprozesses.“ Genau das ist der Grund, warum Domkapitular Dietrich Seidel zum wiederholten Mal an der Schulung teilnimmt. Dem Leiter der Hauptabteilung „Personal“ im Bistum Würzburg ist es wichtig, „sich immer wieder selbst zu sensibilisieren.

Durch die Missbrauchsstudie sei deutlich geworden, „dass das Thema die Kirche auf vielfältige Weise betrifft und wir unsere Lehre ziehen müssen“. Eine dieser Lehren sei „nicht wegzuschauen, bewusst mit den uns anvertrauten Menschen umzugehen und sich aktiv dafür einzusetzen, dass so etwas nicht vorkommt“. Ihn ermutige die Veranstaltung, „mit offenen Augen und offenem Herzen durchs Leben zu gehen“.

Konkrete Empfehlungen

Im vorletzten Teil macht Ingrid Schreiner auf Indizien für eine Opferrolle aufmerksam, spricht über Teamdynamiken und Botschaften für Betroffene. Der ausgehändigte Handlungsleitfaden unterstützt bei Verdachtsfällen und beantwortet Fragen für den Fall, dass sich Betroffene an mich wenden, ich mir mit einer Beobachtung unsicher bin oder gegen mich ein Vorwurf erhoben wird. Der Verhaltenskodex des Bistums Würzburg listet konkrete Empfehlungen für ein gesundes Nähe-Distanz-Verhältnis auf.

Am Ende unterschreiben wir eine Selbstverpflichtungserklärung. Die meisten Teilnehmer sind dankbar für die ausführlichen Informationen: „Das Wissen über das diözesane Netz hilft mir, auf Anfragen zu reagieren“, sagt Jennifer Triesch­mann. Sie findet es „super, dass Kirche hier ein Vorreiter ist“ und würde sich für Schule und Vereine ähnliches wünschen. Und was hat die Schulung mir persönlich gebracht? Trotz allen Schreckens sehr viel Gutes: Ich habe gelernt, dass Grenzen sehr individuell sind, beobachte zwischenmenschliche Beziehungen mit anderen Augen und verstehe die Entwicklung meiner eigenen Kinder ganz neu.     

Anja Legge

Fach- und Koordinierungsstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt, Generalvikariat, Domerschulstraße 2, 97070 Würzburg, Telefon 0931/386-10160, E-Mail „praevention@bistum-wuerzburg.de“, Internet „www.praevention.bistum-wuerzburg.de“. Auf Wunsch können Pfar­reien oder Pfarreiengemeinschaften individuelle Wochenend-Termine für ihre Ehrenamtlichen vereinbaren. 

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