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Seit 100 Jahren finden Menschen hoch über Rothenfels Glaubensimpulse und Orientierung für ihr Leben von Jugend an

Wo der Burggeist ein christlicher ist

Beim Stichwort „Rothenfels“ spielt sich Kopfkino ab. Wichtigstes Motiv: die gleichnamige Burg, die auf sandsteinrotem Fels aufragt über der am Main auf halber Strecke zwischen Lohr und Marktheidenfeld gelegenen und mit gut 1000 Einwohnern kleinsten Stadt Bayerns. Vor genau 100 Jahren erwarb der katholische Jugendverband Quickborn die damals stark sanierungs­be­- dürftige Anlage und machte sie zum deutschlandweiten Treffpunkt einer richtungsweisenden christlichen Bewegung ohne Gemeinde- und Diözesangrenzen; deren Ideale schlugen sich unter anderem in den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils nieder. Die heute Verantwortlichen zeigen sich überzeugt, dass die Bildungsstätte auch künftig unvermindert stark gefragt sein wird, weil man hier eben nicht jedem Trend nachhechelt.

Höher, schneller, weiter – nein! Michael Hombach, dem als wirtschaftlichen Leiter an einer guten Auslastung gelegen sein muss, sieht vielmehr einen wachsenden Bedarf zu entschleunigen, Wesentliches bewusst und gezielt wahrzunehmen. Oder wie die Vorsitzende der Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels, Mathilde Schaab-Hench, es auf den Punkt bringt: „Hier kann man weg sein. Man kann sich konzentrieren auf die Begegnungen.“

Die Vereinigung ist ein eingetragener Verein, zählt über 1000 Mitglieder und ist die Eigentümerin der Burg mit Tagungshaus und Jugendherberge. Als Verband innerhalb des Bundes Deutscher Katholischer Jugend (BDKJ) steht der 1967 neugegründete Quickborn-Arbeitskreis in der direkten Nachfolge des ursprünglichen Quickborns. Das Wort bedeutet lebendiger Quell. So hieß eine ab 1913 verbreitete Zeitschrift. Darin wurde ein „Recht auf Jugend, Freiheit und Freude“ eingefordert. Die Anhänger strebten nach „Gemeinschaft in allen Künsten“ – auf der Basis des katholischen Glaubens und bei gleichem Rang der Geschlechter. Die Heimat wollten sie beim Wandern erfahren.

Zu ihrem zentralen Anlaufpunkt – geografisch in der Mitte Deutschlands – wählten sie Rothenfels: Um bei einem Treffen an Pfingsten zu zelten, wollten sie 1919 vom Fürsten Löwenstein eine Wiese pachten. „Der zog es vor, das Grünfutter einzubringen, und überließ den jungen Leuten lieber das alte Gemäuer als für ihn ‚unrentierliches Objekt’“, schildert Schaab-Hench den Kauf, wofür der Verein der Quickbornfreunde aus der Taufe gehoben wurde.

Guardinis Einfluss

Die jungen Leute legten selbst Hand an und setzten die Gebäude instand – ab 1924 unter professioneller Anleitung des vom Bauhaus beeinflussten (Kirchen-)Architekten Rudolf Schwarz. Marquard II. von Grumbach hatte die Burg ab Mitte des 12. Jahrhunderts – beginnend mit dem 26 Meter hohen Bergfried – errichten lassen. Die mutmaßlich rund 100 Jahre ältere Fischersiedlung am Fuß der steilen Anhöhe wird als Stadt erstmals 1342 erwähnt.

Der Sitz eines würzburgischen Bezirksamts blühte wirtschaftlich auf, als von 1573 bis 1617 Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn regierte. Von diesem Glanz zeugen unter anderem Rathaus, Kirche und Spital. Für einen weiteren Aufschwung sorgte 1880/81 der Anschluss ans Bahnnetz. So konnten zu den Quickbornveranstaltungen „Massen“ herbeiströmen – darunter in den Zwanzigern auch ein Priester, der die Schüler der sechs Mainzer Gymnasien betreute: Romano Guardini. 1923 folgte Guardini einem Ruf als Professor für Religionsphilosophie und katholische Weltanschauung nach Berlin, wechselte nach Tübingen und schließlich nach München, wo er 1962 emeritiert wurde.

Er erinnerte sich: „1919 waren einige von uns auf Fahrt gewesen und erzählten nach ihrer Rückkehr von einer alten Burg am Main, Rothenfels, wo aufregende Dinge geschähen. Da kommandiere keiner, sagten sie, und doch sei großartige Ordnung. Es werde gearbeitet und gefeiert, aber alles komme aus den Leuten selbst; Jungen und Mädel seien da beisammen in Ernst und Fröhlichkeit, aber alles schön und sauber. So bin ich dann 1920 zu Ostern selbst hinauf gegangen, und das hat für mich Folgen gehabt wie wenige Dinge sonst; denn damals ist in mein Leben eine starke Welle von dem eingeströmt, was Jugendbewegung heißt.“

Beispielsweise bei der Wandlung von einem Volksaltar den Blick zu den Gottesdienstteilnehmern zu richten, praktizierte Guardini als Erster auf der Burg. Liturgische Experimente in den Nach-68-ern führten im Extremen sogar einmal zur Zigarettenpause nach dem Evangelium – und zu heftigen programmatischen Disputen. Zur Pfingsttagung 1976 war daher aus Regensburg ein Dogmatiker namens Joseph Ratzinger eingeladen. Auch er reiste per Zug an. Er und der Zivi, der ihn am Bahnhof abholen sollte, verpassten sich, so dass er über offenes Gelände stapfte und letztlich recht erhitzt mit der Aktentasche voraus durch eine Hecke brach.

Kein Vorwurf und kein Beleidigtsein. Seinen Vortrag hielt er ruhig und gesammelt. Freundlicher Abschied, ohne das Honorar anzunehmen. Und: „Tatsächlich hat sich die Bildungsarbeit in den folgenden Jahren konsolidiert.“ So schildert die Ereignisse die von 1975 bis 1984 zuständige Bildungsreferentin Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz, jetzt Inhaberin des Lehrstuhls für Religionsphilosophie und vergleichende Religions­wisen- schaft an der Technischen Universität Dresden.

Sprungbrett?

Rothenfels als Sprungbrett? Zuletzt verließ Ende 2018 nach über zehn Jahren Bildungsreferent Achim Budde die Burg, um die Stelle des Direktors der von den sieben bayerischen Diözesen getragenen Katholischen Akademie in München anzutreten. Doppelt so lange wirkte Gotthard Fuchs, Ordinariatsrat für Kultur, Kirche und Wissenschaft in den Bistümern Limburg und Mainz, als Burgpfarrer.

Im vergangenen Jahr übergab er das Amt an den im Schweizer Fribourg lehrenden Fundamentaltheologen Joachim Negel. Die Dienstälteste im Jubiläumsjahr 2019 ist die 2007 zum ersten Mal zur Vorsitzenden des „e. V.“ gewählte Mathilde Schaab-Hench, Ärztin für Allgemeinmedizin und Homöopathie in Aschaffenburg. Zuvor war Schaab-Hench – ebenfalls Kind Rothenfels-bewegter Eltern – Anfang der Neunziger schon fünf Jahre lang Sprecherin des Burgrats; der bestimmt die Inhalte.

Das Seminarprogramm setzt Schwerpunkte im religiösen, gesellschaftlichen und musischen Bereich. Die Gruppen können fertig ausgearbeitete Module buchen wie zum Beispiel „Spessart & Natur“. Weil eine Burg sehr romantisch ist, kommen viele Schulklassen. Bei einer Kapazität von 300 Betten liege der dauerhafte Jahresschnitt bei 42 000 Übernachtungen, freut sich Wirtschaftsleiter Hombach. Steigend sei die Zahl der Individualurlauber auf Rad- oder Wandertour. In diesem Zusammenhang betonen Schaab-Hench und Hombach: „Selbstverständlich steht der Burghof allen Interessierten offen, die Räume dürfen aber nur die Hausgäste betreten.“ Etwa 150 000 Euro aus den Einnahmen könne man pro Jahr in den Unterhalt der Gebäude stecken, berichten die beiden weiter. Dankbar seien sie deshalb, dass das Landesamt für Denkmalpflege „sehr wohlwollend“ Zuschüsse bewilligt habe, wenn mit Millionenaufwand die Statik des Ostpalas verbessert und das Dach erneuert werden müsse – voraussichtlich 2020 nach den Jubiläumsfeierlichkeiten.     
Bernhard Schneider

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