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    Meditationsforscher Andreas de Bruin über den Achtsamkeitstrend

    „Wichtigen Dingen Raum geben“

    Während die Welt immer schnelllebiger wird, gibt es einen Trend, der dem entgegenwirken soll: der Trend zur Achtsamkeit. Andreas de Bruin hat das achtsame Leben zum Beruf gemacht. Er unterrichtet und forscht an der Hochschule München sowie der Ludwig-Maximilians-Universität zu der Wirkung von Achtsamkeit und Meditation und ist Initiator des „Münchner Modells“,einer Initiative zur Integration von achtsamen, meditativen Inhalten in den Hochschulkontext. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt er das Phänomen Achtsamkeit.

    Was bedeutet Achtsamkeit genau?

    Achtsamkeit bedeutet, den aktuellen Zustand bewusst wahrzunehmen – nur zu beobachten, nicht zu bewerten, Dinge neu zu sehen. Dies kann bezogen sein auf körperliche Reaktionen, Gedanken, Emotionen oder unsere direkte Umwelt, wie beispielsweise andere Personen und die Natur.

    Warum, glauben Sie, gibt es diesen Achtsamkeitsboom?

    Wir sind weit über das Ziel hinausgeschossen: zu viel Individualismus und eigene Ideale auf Kosten anderer, zu viel Konsum, zu viel Geschwindigkeit, keine Verbindung mehr zur Umwelt. Auch der Verstand und Intellekt haben eine zu große Bedeutung. Auf der Strecke geblieben sind das Herz und die Liebe. Die Achtsamkeit hilft vielen Menschen, wieder gelassener zu werden und mehr zu sich zu kommen. Auch rückt das Gemeinwohl wieder mehr in den Vordergrund. Außerdem sind Achtsamkeitsübungen leicht praktizierbar. Es gibt eine Vielfalt an Übungsvarianten, so dass jeder ausprobieren kann, was zu ihm passt. Es sind keine Kosten damit verbunden, sie stehen somit jedem zur Verfügung. Und nicht zuletzt sind die Effekte sogar bei einer nicht umfangreichen Praxis ziemlich schnell spürbar.

    Welche Effekte denn zum Beispiel?

    Zum Beispiel die Verbesserung der Psychohygiene, der Körperwahrnehmung, der Konzentration und selektiven Wahrnehmung, der Selbstwirksamkeit, des Wohlbefindens und der Emotionsregulation. Verbindet man die Achtsamkeit noch mit Mitgefühlsübungen, verbessert sich auch der Umgang mit einem selbst und der Umgebung. Der berühmte Neurowissenschaftler und Achtsamkeitsforscher Richard Davidson sagt, dass „die Erde ein anderer Ort wäre, wenn wir für die Pflege unseres Geistes auch nur die gleiche kurze Zeit wie für das Zähneputzen aufwenden würden“. Intensiviert man die eigene Praxis und übt man regelmäßig, festigen sich die Effekte nachhaltig.

    Sie haben gesagt, die Übungen kann man leicht praktizieren. Wie sieht dies konkret im Alltag aus?

    Achtsamkeit kann man leicht in den Alltag einbauen. Viele Alltagsaktivitäten eignen sich dafür gut: zum Beispiel essen, spazieren gehen, mit jemandem im Gespräch sein, putzen, Kleider bügeln, Geschirr spülen, der Natur lauschen und vieles mehr. Man kann aber auch strukturiertere Übungen praktizieren, wie zum Beispiel täglich 15 bis 20 Minuten in Stille zu sitzen und entspannt den Atem zu beobachten, oder den „Bodyscan“ – eine Entspannungsmethode, bei der man mit seiner Aufmerksamkeit schrittweise durch den eigenen Körper „wandert“ und in die Körperteile hinein spürt. Entscheidend ist, dass man dies alles nicht zu sehr verkopft und mechanisch tut. Nach dem Motto: Ich muss jetzt achtsam essen, ich muss jetzt achtsam atmen. Der Wunsch achtsam zu sein, sollte von innen kommen. Achtsamkeit ist eine Haltung. In der christlichen Tradition zum Beispiel werden verschiedene Formen des Sehens unterschieden: das Sehen über die Sinneswahrnehmung, das Sehen durch den Verstand und das Sehen mit dem Herzen. Es geht um die letzte Ebene. Wenn man Achtsamkeit mit dem Herzen verbindet, wird das Praktizieren ganz natürlich.

    Wie zum Beispiel funktioniert denn achtsames Geschirrspülen?

    Wenn die meisten Menschen Geschirr spülen, sind sie mit dem Kopf woanders. Achtsames Geschirrspülen ist, dass ich sehe, was ich spüle. Dass ich spüre, ist das Wasser warm, ist es kalt, wie fühlt sich der Teller oder das Glas an. Wenn wir lernen, diese Dinge wieder bewusster zu tun, dann trainieren wir unseren „Achtsamkeitsmuskel“, so dass wir bei allen Dingen, die wir tun, mehr im Jetzt sind.

    Warum sollte man seinen Alltag achtsamer begehen?

    Forschungen zeigen, dass wir im Alltag knapp die Hälfte der Zeit nicht wirklich bei der Sache sind. Weil man durch bewusste Achtsamkeit mehr im Jetzt ist und sich das sogenannte mind-wandering – also das Abschweifen der Gedanken – reduziert, wird man weniger abgelenkt, erkennt klarer, was im Leben bedeutend ist und handelt entsprechend.

    Fragt man Sterbende, was sie im Rückblick auf ihr Leben am meisten bedauern, zeigt sich, dass sie gerne mehr Gefühle ausgedrückt hätten, den Kontakt zu Freunden stärker gepflegt hätten, nicht so viel gearbeitet und mehr den Mut gehabt hätten, das Leben so zu leben, wie sie es gerne gewollt hätten. Achtsamkeit hilft, den wichtigen Dingen mehr Raum zu geben. Durch das Nichtbewerten lernen wir zudem, in Situationen zunächst innezuhalten und nicht zu impulsiv zu reagieren.

    Haben Sie selbst tägliche Achtsamkeitsrituale?

    Ich meditiere zweimal täglich 20 Minuten – eine Sitzmeditation direkt nach dem Aufstehen und die andere spätnachmittags, meist um 17 Uhr. Dies mache ich seit 1991. Und es ist, wie beispielsweise das Zähneputzen, zum Standardprogramm geworden. Auch versuche ich, viele Alltagsaktivitäten achtsamer auszuführen, wie etwa meinen täglichen Gang zur Arbeit oder die Gespräche mit meinen Studierenden.     

    Interview: Denise Thomas (KNA)