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Wer glaubt, kann anderen offen begegnen – auch Nichtglaubenden

Weil Göttliches grenzenlos ist

Leidenschaftlicher Einsatz für eine bessere Welt, und dazu spirituelle Gelassenheit. Für diese Mischung tritt der aus Würzburg stammende Linzer Moraltheologe Professor Dr. Michael Rosenberger ein. In einem bei Echter erschienenen Buch plädiert Rosenberger für eine Religiosität, die Gemeinsamkeiten mit Andersgläubigen und Andersdenkenden sucht – und so ein menschliches Miteinander fördert, ohne das große Menschheitsprobleme nicht gelöst werden können.

Herr Professor Rosenberger, Sie schreiben: „Spiritualität gibt es auch ohne Gott“. Ist das nicht eine sehr gewagte These für einen Theologen?

Für mich persönlich gibt es keine Spiritualität ohne Gott, aber ich kann mit spirituellen Atheisten ins Gespräch kommen. Der französische Philosoph André Comte-Sponville sagt: Um gut leben zu können, brauche ich Spiritualität. Er war in einem katholischen Internat. Nach eigener Aus­sage hat er vieles von seiner atheistischen Spiritualität aus dem Christentum übernommen. Mit anderen Worten: Er hat viel von der Kirche gelernt, das erkennt er ohne Umschweife an. Für mich ist die zentrale Frage: Wie kann ich als Christ mit einer solchen Spiritualität ohne Gott ins Gespräch kommen – oder auch mit der anderer Religionen?

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Ökumene des Geistes“ – was meint das?

In der klassischen Ökumene stehen dogmatische Fragen im Mittelpunkt: Wie versteht man die Eucharistie, die Sak­ramente insgesamt oder wie ist der Stellenwert von Kirche für das Heil der Menschen? Die Ökumene des Geistes würde von solchen Fragen absehen. Stattdessen geht es darum, auf einer anderen Ebene den Gläubigen zu sehen.

Wie sieht das konkret aus?

Wenn wir etwa bei den Begriffen Glaube, Hoffnung und Liebe den dogmatischen Überbau zur Seite schieben, also woran wir glauben und worauf wir hoffen, dann bekommen diese Begriffe existenzielle Bedeutung. Glauben ist dann einfach dieses Vertrauen in das prinzipiell Gute des Lebens; Liebe die Bereitschaft und Fähigkeit, sich wirklich ganz zu verschenken. Und dann ist Hoffnung die Überzeugung, dass das, wofür ich mich einsetze, einen Sinn hat. Auf dieser Ebene kann ich ganz eng mit anderen Religionen oder mit Atheisten zusammenkommen.

Solche Thesen dürften aber bei so manchem Katholiken nicht gerade auf Gegenliebe stoßen.

Grundsätzlich wird jeder anerkennen müssen, dass es solche Gemeinsamkeiten gibt. Es hat noch nie jemand in der katholischen Kirche behauptet, dass das Beten eines Muslims oder eines Buddhisten kein wirkliches Beten ist. Auf dieser Basis wäre eigentlich mehr möglich, als wir normalerweise reflektieren. Wir konzentrieren uns sehr schnell auf das, was wir glauben und andere nicht. Anstatt zu sagen: Hey, es ist doch eigentlich genial, dass andere auch beten. Dieses Gebet hat einen Wert, da ist etwas Echtes drin. Das möchte ich stärker in den Blick nehmen. Da kann auch jemand, der die Dogmatik in den Vordergrund stellt, nicht prinzipiell dagegen sein.

Welche Wirkung kann so eine „Ökumene des Geistes“ gesellschaftlich haben?

Ich hoffe auf eine engagierte Gelassenheit. Das ist für mich eine gesunde Verbindung zwischen einem wirklich leidenschaftlichen Engagement für eine gute und gerechte Gesellschaft gegenüber allen Geschöpfen, auch Tieren und Pflanzen, und einer Gelassenheit – in dem Wissen, nicht alle Probleme der Menschheit lösen zu können, weil sie viel größer sind als ich. Das ist eine sehr anspruchsvolle Haltung. Es ist viel leichter, entweder zu sagen: „Ich engagiere mich gar nicht mehr“ – also diese Gleichgültigkeit, die Papst Franziskus kritisiert –, oder: „Ich setze mich mit aller Verbissenheit ein“, so dass dann alle anderen Menschen sagen: Mit dem möchte ich nichts mehr zu tun haben.

Entspricht die „Ökumene des Geistes“ nicht genau der Vorstellung von Papst Franziskus?

So interpretiere ich den Papst. Er will deutlich machen: Mich verbindet als engagierten Christen mehr mit dem für die Schöpfung oder für soziale Gerechtigkeit engagierten Muslim und Atheisten als mit einem gleichgültigen Christen. In seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ spürt man das ganz deutlich, wenn er immer wieder auf seinen Dialog mit dem Islam Bezug nimmt. Franziskus lebt diese Verbundenheit über die Grenzen dogmatischer Differenzen hinweg. Er sieht: Nur wenn wir diese Verbundenheit auch pflegen und fördern, können wir tatsächlich auf dem Weg der Humanisierung unserer Welt vorankommen.

Ist das nicht nur ein frommer Wunsch?

Alle wird man nie erreichen, aber schon viele. Papst Franziskus erfährt mit diesem Programm eine unglaubliche Aufmerksamkeit – nicht nur innerhalb der katholischen Kirche, sondern auch außerhalb. In der jüngeren Geschichte hat es keinen Papst gegeben, der jenseits der eigenen Religion so viel Respekt und so viel Verbundenheit gefunden hat wie Fran­ziskus.     

Interview: Christian Wölfel (KNA)

Das Buch:
Michael Rosenberger, Was der Seele Leben schenkt. Spiritualität aus Erde, Echter Verlag, Würzburg 2020, 216 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-429-05590-5

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