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      Jüdisch – christlich – geschwisterlich: Vom christlichen Vorurteil, Juden seien „geknechtet“ unter dem Gesetz

      „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer ...“ (Mt 23,13)

      Das Motiv prägte für lange Zeit Predigten und so manche Religionsstunde: die jüdische Religion als negative und dunkle Kontrastfolie, auf der die christliche Botschaft leuchtend und positiv zum Vorschein kam. Das Judentum wurde als enge Gesetzesreligion dargestellt, das Christentum als Religion der Liebe und der Befreiung von Legalismus. Nicht ohne Überheblichkeit werden bisweilen immer noch im christlichen Religionsunterricht und in Predigten einseitige Beispiele erzählt, die das jüdische Gesetzesverständnis illustrieren sollen.

      Das Verbot der Benutzung elektrischer Geräte oder des Autos am Sabbat, die strenge Beachtung von Speisevorschriften und Reinheitsgeboten erwecken den Eindruck, als gehe es in dieser Religion ziemlich kleinlich zu und als würden die Menschen von einer Unmenge von Vorschriften erdrückt.

      Das mag damit zusammenhängen, dass der hebräische Ausdruck „Tora“ in der griechischen Übersetzung des Ersten Testaments mit dem Wort „nomos“ (Gesetz) wiedergegeben wurde, eigentlich aber weit mehr Bedeutungen aufweist. Neben „Gesetz“ meint Tora auch „Offenbarung“, „Lehre“ oder „Weisung“. Martin Buber und Franz Rosenzweig verstehen in ihrer deutschen Übersetzung der Hebräischen Bibel unter Tora vor allem Wegweisungen zum Leben und überschreiben die fünf Bücher Mose deshalb mit „die fünf Bücher der Weisung“ (Buber/ Rosenzweig 1987).

      Gelingendes Leben

      Die Verkürzung der Tora auf „Gesetz“ hat dazu geführt, dass die gesamte jüdische Religion einseitig dargestellt wurde. Dabei geht es im Judentum tatsächlich bei der Ausrichtung nach der Tora um ein gelingendes Leben. Gesetze und Vorschriften sind dabei kein starres Regelwerk, sondern entwickeln sich dynamisch weiter. Die Halacha, die mündliche Tradition im Judentum, meint die Fortschreibung der schriftlichen Tora in die jeweilige Gegenwart. Wörtlich übersetzt bedeutet Halacha „das Gehen“, „das Wandern“, „der Weg“.

      Im jüdischen Gesetzesverständnis muss die aktuelle Auslegung der Tora immer dem Leben der Menschen dienen. Gesetze sind nicht um ihrer selbst willen zu befolgen. Die Tora ist nicht knechtendes Gesetz, sondern ständige Erinnerung an die Beziehung zu Gott, der das Leben der Menschen will.

      Gegen dieses weite und lebensbejahende Selbstverständnis der jüdischen Religion mag nun eingewendet werden, dass die Evangelien voll sind von der Auseinandersetzung Jesu mit enger jüdischer Gesetzlichkeit. In den Wehrufen gegen die Pharisäer brandmarkt Jesus eine Gesetzlichkeit, die den Menschen „schwere und unerträgliche Lasten“ auf die Schultern lege (Mt 23,4). An anderer Stelle kritisiert Jesus Reinheits- und Speisevorschriften als veräußerlichte und oberflächliche Gesetzesfrömmigkeit (Mk 7,1–23). Immer wieder erzählen die Evangelien davon, Jesus habe am Sabbat geheilt (Mk 3,1–6) oder mit seinen Jüngern Ähren gepflückt (Mk 2,23–27) und dadurch bewusst die vorgeschriebene Sabbatruhe durchbrochen. In Mk 2,27 gipfelt diese Reihe kalkulierter Regelverstöße in dem Wort Jesu: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.“

      Sinn der Gesetze

      Gerade dieses Wort belegt jedoch, dass sich Jesus mit seiner Gesetzeskritik innerhalb einer breiten jüdischen Diskussion über die Auslegung der Tora bewegte. Ganz ähnlich lautet eine Aussage, die sich in der rabbinischen Literatur findet: „Euch wurde der Sabbat übergeben und nicht ihr wurdet dem Sabbat übergeben“ (bYoma 85b). Zielrichtung beider Worte ist die Frage nach dem eigentlichen Sinn der Gesetze. Sie müssen dem Leben der Menschen dienen und sind nicht um ihrer selbst willen zu befolgen. Die Gesetzeskritik Jesu ist also innerjüdisch verortet und setzt sich an keiner Stelle grundsätzlich über die Tora hinweg. In Mt 5,17–19 ist ein Jesuswort überliefert, das diese Haltung Jesu auf den Punkt bringt:

      „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.“

      Jesus – ein gläubiger Jude

      Jesus von Nazaret war ein gläubiger Jude und er blieb es bis zu seinem Tod am Kreuz. Nichts deutet darauf hin, dass er eine neue Religion gründen oder das jüdische Gesetz abschaffen wollte. Historisch gesehen gehört Jesus mit seinem Gesetzesverständnis zu den Reformbewegungen innerhalb des Judentums, die um eine rechte Auslegung der Tora rangen.

      Der christliche Antijudaismus mit seiner einseitigen Darstellung des Judentums als einer durch Gesetze und Vorschriften versklavten Religion begann allerdings schon in den Evangelien. In den Texten, die in einem Abstand von 40 bis 70 Jahren nach Jesu Tod verfasst wurden, lässt sich die Absicht erkennen, Jesus und das Judentum in einem Kontrast darzustellen. Die Pharisäer tauchen in den Evangelien immer wieder als die typischen Gegner Jesu auf, die scheinbar nichts anderes zu tun haben, als die peinliche Einhaltung von Gesetzesvorschriften zu überwachen. Historisch gesehen pflegte Jesus von Nazaret aber gerade zu dieser Gruppierung freundschaftliche Kontakte und stand auch theologisch den Pharisäern ausgesprochen nahe.

      Die Pharisäer tauchen in den Evangelien irrtümlich vor allem deshalb als typische Widersacher Jesu auf, weil sie nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. und damit zur Entstehungszeit der Evangelien die einzig verbliebene jüdische Gruppierung waren, die noch weiterbestand. Sie waren für die neutestamentlichen Autoren die einzigen noch sichtbaren Repräsentanten des Judentums. Gegen sie richtet sich die ganze antijüdische Polemik der wachsenden Jesus-Bewegung. Die Evangelisten schrieben für Gemeinden, die sich längst in einem Ablösungsprozess vom Judentum befanden und mit den jüdischen Synagogengemeinden um potentielle neue Mitglieder konkurrierten.

      Unterschiede betont

      Die ausgeprägten antijüdischen Klänge in den Evangelien sind auf dieses Bedürfnis der Selbstbehauptung zurückzuführen. Die Jesus-Bewegung, die eine innerjüdische Reformbewegung gewesen war, entwickelte sich zur eigenen Religion und betonte das Unterscheidende zum Judentum. Nachdem Paulus durchgesetzt hatte, dass man Christ werden konnte, ohne der jüdischen Religion angehören zu müssen und damit den Weg zur sogenannten Heidenmission geöffnet hatte, konzentrierte sich die Auseinandersetzung mit der jüdischen Herkunftsreligion auf den Gesetzeskonflikt. Das Christentum warb um neue Mitglieder und stellte sich sozusagen als „Judentum light“ vor, als Religion, die die jüdische Ethik und den jüdischen Monotheismus bewahrte, der man aber ohne Beschneidung und ohne Beachtung der Reinheits- und Speisevorschriften angehören konnte.

      Um heute das Verhältnis Jesu zum jüdischen Gesetz angemessen darzustellen, braucht es diese Kontextualisierung der Aussagen, die sich in den Evangelien zum Gesetz finden. Es braucht vor allem aber das Gespräch mit Jüdinnen und Juden unserer Zeit über den Stellenwert der Tora für ihr Leben, um endgültig Abschied zu nehmen von einem Zerrbild des Judentums als vermeintlich enger Gesetzesreligion. Wer sich auf diesen Weg begibt, wird die Tora als das wiederentdecken, was sie auch für Jesus von Nazaret war: Wegweisung zum Leben.     

      Der Autor Burkhard Hose ist Leiter der Katholischen Hochschul­gemeinde Würzburg und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg.

      Zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ veröffentlicht das Sonntagsblatt unter dem Titel „Jüdisch – christlich – geschwisterlich“ Artikel in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg. Die Texte beleuchten antijüdische Klischees oder Vorurteile aus biblischer Sicht, um Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Mehr Infos zum Festjahr online unter „2021jlid.de“ und „www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de“.

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