Hinweis

Ihre Browserversion wird leider nicht mehr unterstüzt. Dies kann dazu führen, dass Webseiten nicht mehr fehlerfrei dargestellt werden und stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Wir empfehlen Ihnen, Ihren Browser zu aktualisieren oder einen der folgenden Browser zu verwenden:

Marienfiguren

Bildergalerie – ein Blick zurück

Zum 80. von Bischof em. Friedhelm Hofmann hat das Sonntagsblatt ins Archiv geschaut.

    Zum 80. von Bischof em. Friedhelm Hofmann hat das Sonntagsblatt ins Archiv...

    Mehr
    Die Würzburger Mädchenkantorei ist 50 Jahre alt

    Verrücktes und zeitintensives Hobby

    Am Anfang war es nur eine Idee – und erst heute kann man wirklich beurteilen, wie visionär sie war: Die Gründung der Würzburger Mädchenkantorei im Herbst 1971 durch Domkapellmeister Siegfried Koesler (1937– 2012). Sie war der erste Mädchenchor überhaupt an einer deutschen Kathedrale.

    „Siegfried Koeslers Idee war eine grandiose!“, jubiliert denn auch dessen zweiter Nachfolger im Amt, Christian Schmid. Und es war eine, die Nachahmer fand: „Es gab in der Folge drei Wellen, in denen andere Bistümer dasselbe gemacht haben. Und nun gründet auch noch Regensburg einen Mädchenchor; wir sehen also, dass Koeslers Idee noch immer weitergeht und eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte ist“.

    Sofort Professionell

    In jedem Fall kann man das für die Würzburger Mädchenkantorei behaupten: Aktuell singen etwa 160 Mädchen und junge Damen zwischen sechs und etwa 18 Jahren in diesem Ensemble, aufgeteilt in vier Chöre, vom Vorchor über Nachwuchs- und Aufbau- bis zum Konzertchor, die je zweimal pro Woche proben. „Der Chor ist zahlenmäßig unser größter und nicht nur deshalb aus der Vielfalt der Chöre am Dom nicht mehr wegzudenken“, sagt Schmid. Die Mädchen singen etwa einmal monatlich im Konventamt am Kiliansdom, außerdem gehören zu ihren regelmäßigen Aufgaben diverse Pontifikalämter im Kirchenjahr, Andachten und Konzerte am Dom.

    Als der frischgebackene Domkapellmeister Siegfried Koesler den Chor im November 1971 gründete, sah das noch anders aus: 35 Mädchen gehörten zur Gründungsgruppe, die ihren ersten Auftritt in der Vormette an Heiligabend hatte. Im Frühjahr 1972 sangen die jungen Damen erstmals ein Konventamt im Dom – allerdings noch gemeinsam mit dem Domchor. Erst im Sommer `72 gab es einen ersten Auftritt außerhalb Würzburgs, beim Diözesan-Kinderchortreffen in Neustadt und Karlstadt. Ab Herbst 1972 waren die Mädchen schließlich soweit trainiert, dass sie regelmäßig Gottesdienste und Konzerte im Dom und darüber hinaus gestalten konnten. – Von Beginn an war es Koesler dabei ein Anliegen, die Mädchenkantorei ebenso professionell aufzustellen wie die Domsingknaben, wozu für ihn auch Stimmbildung und – nicht zuletzt – Konzertreisen gehörten. Die erste internationale Reise führte den Chor 1974 denn auch gleich nach Rom, zum großen Chortreffen der Pueri Cantores, einem internationalen Chorverband, dem Siegfried Koesler selbst von 1984–92 als Präsident vorstand.

    Blick auf den Papst

    Eine Reise, an die sich Hedi, mit acht Jahren damals eine der jüngsten Sängerinnen, noch gut erinnert: „Wir haben am Neujahrstag 1975 im Petersdom zusammen mit 10000 Sängern aus aller Welt den Gottesdienst mitgestalten dürfen. Zum Glück war jemand so nett, mich hochzuheben und so konnte ich sogar einen kurzen Blick auf Papst Paul VI. erhaschen. Was für ein Tag!“ Schon 1975 wirkte die Mädchenkantorei auch bei einer ersten Schallplattenaufnahme mit, in den Jahren darauf ging es für Konzerte und Freizeitaufenthalte nach Österreich, zu diversen Zielen in Deutschland, bald auch nach Südtirol und immer wieder nach Rom. – So war es eigentlich keine große Überraschung mehr, dass der Chor sich den Ersten Preis beim Wettbewerb „Bayerns Jugend singt“ 1982 ersang.

    Tränen in den Augen

    Und dann die vielen kleinen Aktivitäten der Sängerinnen, die Vielen Freude bereiteten: Unvergessen etwa das regelmäßige Adventssingen in der Poliklinik in Würzburg, wo die Mädchen von Station zu Station gingen und die Kranken mit weihnachtlicher Musik erfreuten. „Als Dank bekamen wir immer eine Tüte mit Plätzchen und jede ein Fünf-Mark-Stück“, entsinnt sich eine Sängerin an die 1980er Jahre.

    Und dann gab es natürlich die unzähligen Gottesdienste und Konzerte in kleinen Kirchen irgendwo in der Diözese, bei denen so mancher Besucher erstaunt, und ab und an gar zu Tränen gerührt, feststellte, dass ja auch ein Mädchenchor ganz wunderbar klingen und zu Herzen gehen kann.

    Da hat sich für die Sängerinnen  offenbar auch bis heute nicht viel geändert: Dass man mit dem gemeinsamen Singen Menschen erfreuen kann, ist noch immer ihre wichtigste Motivation. Gerade auch auf den vielen Reisen des Chors, nach Ungarn, immer wieder Italien, Spanien, Holland, Belgien, Frankreich, die USA, Südafrika, Schweden, Venezuela und Kanada, aber auch bei CD-Aufnahmen, Auftritten in Rundfunk und Fernsehen, bei Wettbewerben.

    Gefeiert wie Popstars Sängerin Amelie erinnert sich beispielsweise an eine Konzertreise nach Kanada, 2016: „Wir waren auf einer kleinen Bootstour in Ottawa, mit uns ein breiter, tätowierter Mann mit Sonnenbrille. Als wir zum Abschluss ,An Irish Blessing‘ gesungen haben, setzte dieser wuchtige Mann seine Sonnenbrille ab und wischte sich ein paar Tränen aus den Augen“, berichtet sie. Sie hätten ihn dann auch zu ihrem Konzert eingeladen, – „und tatsächlich: Der Mann kam – und hat das halbe Konzert über geweint, weil er so gerührt war.“

    Auch Antonia hat eine Lieb­lings­erinnerung an eine Reise, die in dieselbe Richtung geht: „Eines unserer besten Konzerte hatten wir in einer großen Kathedrale in Caracas auf unserer Reise nach Venezuela 2012“, erzählt sie. „Wir wurden dort gefeiert wie Popstars! Voller Dankbarkeit wollten uns nach dem Konzert alle gratulieren und die Hände schütteln: Ein tolles Gefühl, dass wir mit unserem Gesang so etwas in den Menschen ausgelöst haben!“

    Neue Kompositionen

    Was sich inzwischen verändert hat, ist jedoch das Repertoire und dessen Zugänglichkeit. Während der Chor in den 1970er und 1980er Jahren noch sehr viel Musik aus früheren Jahrhunderten sang – oft von Koesler selbst von Hand oder mit der Notenschreibmaschine aus den Quellen transkribiert – gibt es inzwischen mehr zeitgenössische Musik für die Besetzung mit reinen Frauenstimmen. „Man muss als Mädchenchorleiter sehr genau suchen, um passende Literatur zu den verschiedenen Anlässen zu finden“, erläutert Schmid. Inzwischen liege aber ein Schwerpunkt der Literatur in der Moderne. Das sei den Gründungen der letzten Jahrzehnte zu verdanken, die viele Komponisten zu Werken für die Mädchenchorbesetzung inspiriert hätten. „Der Klang eines Mädchenchores ist dabei in der Regel etwas leichter und körperloser als der kernige Klang eines Knabenchores, aber der weiche und leichte Klang ist von einer großen Homogenität“, führt der Domkapellmeister aus. Auch bei Mädchen gebe es eine Art Stimmbruch, wenn auch weniger dramatisch als bei Jungs. „Aber auch hier muss man behutsam und individuell vorgehen“, betont Schmid. Regelmäßige Stimmbildung ist obligatorisch für die jungen Sängerinnen.

    Nur mit dem Geburtstagsfest zum 50. wurde es 2021 nichts. Zu Covid 19 kam, dass im Juli Domkantor Alexander Rüth, der den Chor in den vergangenen Jahren geleitet hatte, zum Münstermusikdirektor in Konstanz berufen wurde. „Aber“, beruhigt Christian Schmid, der die Mädchen interimsmäßig leitet, „wir haben vor ein ‚50 Plus-Jubiläum’ zu feiern, sobald es geht. Mit Sebastian Ferenz übernimmt im Februar ein neuer Domkantor die Leitung der Mädchenkantorei, mit ihm werden wir uns ein schönes Fest überlegen!“

    Guter Nachwuchs

    Nachwuchssorgen habe er bei den Mädchen eher nicht, sagt Schmid erfreut. Allerdings gibt er schmunzelnd zu: „Chorsingen ist ja ein verrücktes und – wenn man es auf hohem Niveau betreiben will – zeitintensives Hobby.“ Und der vielzitierte Freizeitstress mache es Kindern und Eltern heute nicht einfacher, sich dem zu widmen. Dennoch aber dürfe man sich beim Mädchenchor über einen regen Zulauf in den Nachwuchschören freuen.

    Sind Mädchen also singmotivierter als Jungs, bei denen es immer wieder etwas mau aussieht? Schmid lacht. „Ich glaube nicht, dass Mädchen lieber singen, aber ich will es mal so formulieren: Sie tun sich etwas leichter, sich zum verrückten Hobby des Singens zu bekennen!“    

    Andrea Braun