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Während der Pandemie ist die Wärmestube für Obdachlose wichtiger denn je

Unter freiem Himmel

Sicher denkt Erich W. (Name geändert) manchmal wehmütig an jene Zeit, als er noch das hatte, was man ein „normales“ Leben nennt. Doch davon spricht er nicht. Was ist, das ist. So seine Devise. Es gilt, sich zu arrangieren. „Ich bin nun seit fünf Jahren obdachlos“, erzählt der knapp 60-Jährige. Das ist nicht einfach. Gerade in der Pandemie ist das hart. Extrem hart war es im Frühjahr 2020, beim ersten Lockdown. Damals war neun Tage lang alles dicht. Diese neun Tage seien wirklich richtig schlimm gewesen, sagt Erich W.

Diejenigen, die eine Wohnung hatten, konnten die Zeit zu Hause verbringen. Erich W. nicht. Nirgends konnte er mehr hin. Nirgends mehr gab es einen heißen Kaffee: „Und ich konnte mich neun Tage lang nicht duschen.“ Das ist hart, wenn man dauernd draußen ist. Erich W. lebt seit 2015 im Freien. Dort isst er. Und dort schläft er. Auch bei Minustemperaturen. Wo er sein Nachtlager hat, verrät er nicht. Natürlich nicht. Sonst würde womöglich ungebetener Besuch kommen. Nur so viel verrät Erich W.: „Ich habe eine Matratze.“ Und mehrere Schlafsäcke: „Der eine hält Minus 20 Grad aus.“ Ausrüstung, so ein Lieblingsspruch von ihm, „ist alles“.

Erich W. ist ein zäher Bursche. Er hält viel aus. Steckt viel weg. Doch ein Minimum an sozialer Teilhabe, an Rückzugsraum und Mitmenschlichkeit braucht auch er. All das findet er in der Wärmestube. Die hat inzwischen wieder täglich auf. Bis zu neun Obdachlose können gleichzeitig kommen. Sie erhalten umsonst Kaffee. Eine Kleinigkeit zu essen. Können sich duschen. Zeitung lesen. Im Gespräch Sorgen loswerden. Wäsche waschen. „Ich komme jeden Tag her“, sagt Erich W. Die Einrichtung der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft ist für ihn unverzichtbar: „Im Moment habe ich sonst nur noch den Würzburger Arbeitslosentreff als Anlaufstelle.“

Wie jemand leben möchte, ist seine ureigenste Sache: Nach diesem Grundsatz kümmert sich das Team um Wärmestubenleiter Christian Urban um Menschen, die sich dafür entschieden haben, auf der Straße zu leben. Die also dem Übernachten unter freiem Himmel einer Unterbringung in kommunalem Verfügungsraum vorziehen. Dafür kann es gute Gründe geben. Viele Männer und Frauen, die ihre Wohnung verloren haben, können es sich zum Beispiel nicht vorstellen, mit wildfremden Menschen ein Zimmer in einer Obdachlosenunterkunft zu teilen. Da ist man zwar vor Regen geschützt. Hat es warm. Ist aber im Gegenzug den Launen anderer Leute ausgesetzt.

Niemals einen guten Job

Erich W. hatte nach dem Verlust seines Jobs einen rasanten sozialen Abstieg erlebt. Ziemlich schnell war alles Geld weg. Erich W. konnte die Miete nicht mehr zahlen. So verlor er seine Wohnung. Mit der Arbeit, sagt er, war das sowieso immer so eine Sache gewesen: „Ich hatte nie einen Job, der wirklich auf mich zugeschnitten war, ich war immer unzufrieden.“ Erich W. hat einen Handwerksberuf erlernt. Mehr will er nicht verraten. Aber eigentlich hatte er nie Handwerker werden wollen. Als Teenager hatte er ganz andere Träume gehabt: „Ich hätte am liebsten etwas mit Tieren gemacht.“ Doch das hatte sich nicht ergeben. So landete Erich W. beruflich zeitlebens im Falschen.

Mit Würzburg und der Wärmestube hat er es aber nun bestens getroffen, so der Berber. „Gott sei Dank, dass es diese Einrichtung gibt“, sagt er. Wobei er das mit „Gott“ wortwörtlich meint. Ja, sagt Erich W., er sei gläubig. Zwar kein Christ. Zwar kein Muslim: „Aber ich weiß, dass es Gott gibt.“ Gerade mit Christen hat er sehr gute Erfahrungen gemacht. Zum einen in der Wärmestube. Zum anderen mit dem Team des Arbeitslosentreffs, einer Einrichtung der diakonischen gGmbH „Brauchbar“. Und ganz besonders mit Bruder Tobias von der Würzburger Straßenambulanz: „Der fragt mich immer, wie es mir geht, und er hat immer ein tröstendes Wort für mich.“

Erich W. hat keine enge Bindung zu seiner Familie mehr. Das ist ganz typisch für jene Menschen, die in die Wärmestube kommen, berichtet Einrichtungsleiter Christian Urban. Und zwar nicht nur für die Obdachlosen. Die Wärmestube war bisher auch eine Art Familienersatz für alle, die sehr prekär leben – etwa in Obdachlosenunterkünften. „Es gab vor Corona Gäste, die jeden Tag, wenn wir geöffnet hatten, um 10 Uhr zu uns kamen, um hier Kaffee zu trinken und von uns aus in den Tag zu starten“, erzählt Urban. Dies sei nun nicht mehr möglich.

Obdachlose stehen während der Pandemie an erster Stelle. Für sie soll möglichst immer Platz sein. Deshalb dürfen im Moment nicht einmal jahrelange Stammgäste der Wärmestube kommen. Für Obdachlose wiederum ist die Wärmestube mit ihrem ausgefeilten Hygiene-Konzept nicht zuletzt als Schutzraum wichtig.

Große Angst, zu erkranken

„Viele unserer Gäste haben Angst, zu erkranken“, sagt Urban. Der Wärmestube kommt derzeit aber auch eine wichtige Funktion als Infopunkt zu. Obdachlose wissen oft nicht, welche Corona-Regeln gerade gelten. Also, wie es sich mit dem Ausgehverbot verhält. Oder dass es im Moment verboten ist, irgendwo in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken.

Wie auch, sie sitzen nun mal nicht den ganzen Tag am Computerbildschirm, um die neuesten Nachrichten über die Pandemie zu verfolgen. Einen richtigen Rechner könnte sowieso kein Mensch ohne festen Wohnsitz mit sich herumschleppen. Viele Obdachlose haben jedoch nicht einmal ein internetfähiges Handy. „Und wenn sie es haben, fehlen Strom, ein ausreichendes Datenvolumen oder WLAN, um das Handy zu nutzen“, sagt Urban. In vielen Fällen mangelt es aber auch schlicht an IT-Kompetenz. Deshalb soll es im neuen Jahr einen niedrigschwelligen Internetkurs für obdachlose Menschen in der Wärmestube geben. Ein neuer Mitarbeiter wird die Schulung übernehmen.

Das Thema gewinnt laut Urban an Relevanz, da immer mehr Behördenangelegenheiten nur noch digital zu regeln sind. Das betrifft auch das Jobcenter. Obdachlose, die ohnehin am gesellschaftlichen Rand leben, dürfen digital nicht abgehängt werden. Dafür will sich das Team der Wärmestube engagieren. Wer den neuen Internetkurs durchlaufen hat, weiß, wie er seine Mails auf dem Smartphone abruft. Wie er eine Mail verschickt. Und wie er einen Beleg fürs Amt abfotografiert und das Bild an die Mail anhängt. Das lässt die Chancen auf Teilhabe steigen.

Das Handy ist wichtig

Für Erich W. ist die Digitaltechnik ein Segen. Klar, sagt er, hat er ein Handy: „Das ist das Wichtigste überhaupt.“ Von seinem Tagessatz, der knapp 15 Euro beträgt, zwackt er immer etwas ab, um sich eine Prepaid-Karte zu kaufen. Sowie er in der Wärmestube ist, lädt er sein Handy und die Powerstation an der Steckdose auf. „Ausrüstung ist alles“, sagt er seinen bekannten Spruch. Durch sein internetfähiges Handy kann er selbst im einsamen Nachtlager unter freiem Himmel Kontakt aufnehmen, falls irgendetwas sein sollte: „Und ich kann mich auf dem Laufenden halten.“ Zum Beispiel über die aktuellen Corona-Regeln, die er akribisch einhält.

Leute, die sich dagegen querstellen, kann er nicht begreifen. Die machen ihn wütend. Denn auch Erich W. hat große Angst, sich das Virus einzufangen. „Ich bin starker Raucher und hab mehrere Krankheiten“, sagt er. Wenn er sich infiziere, ist er sicher, sei er „fällig“. Seine letzte Hoffnung wäre dann noch Bruder Tobias. Der sicher auch helfen würde, wenn er in Quarantäne müsste. Denn auch das ist für einen Obdachlosen ja gar nicht einfach: Wohin soll er sich zurückziehen? Manchmal hat sich Erich W. das schon gefragt: „Aber Bruder Tobias würde dann garantiert was arrangieren.“

Doch er will ja gar nicht krank werden, weshalb er sich immer exakt an die Regeln hält. Sogar die Ausgangssperre beherzigt er: „Spätestens um 20 Uhr bin ich an meinem Lager.“ Dann legt er sich auf seine Matratze, die er mit einem Lammfell unterlegt hat. Kuschelt sich in seine Schlafsäcke. Denkt noch einmal über den Tag nach. Über das, was er in der Wärmestube erlebt hat. Hofft, dass der Corona-Spuk bald vorüber ist. Schließt die Augen. Und schläft ein.     

Pat Christ

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