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Freiwillige berichten über ihr „weltwärts“-Jahr – das früher endete, als gedacht

Spannung, Spaß und ein Schock

Der März war ein turbulenter Monat für das Referat Weltfreiwilligendienste beim Würzburger Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Wegen der Corona-Pandemie mussten neun „weltwärts“-Freiwillige der Diözese Würzburg aus Afrika und Südamerika zurückgeholt werden. Ein Stresstest für alle Beteiligten angesichts des zusammenbrechenden Luftverkehrs. Zwei der 2019 ausgesandten Freiwilligen haben mit dem Sonntagsblatt über ihre Erfahrungen gesprochen: Johanna Pfeuffer (19) und Tabitha Hinz (20).

Kein ganzes Jahr, aber rund ein halbes konnten Sie im Ausland verbringen. Was haben Sie dort gemacht?

Johanna Pfeuffer: Mit einer Mitfreiwilligen habe ich in der Pfarrei Sagrada Familia in Santa Cruz in Bolivien gelebt. Von 8 bis 12 Uhr haben wir in der Guardería, einer Kindertagesstätte, gearbeitet. Ich habe mit den Kindern gespielt, Worte wie „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“ mit ihnen geübt, Streit geschlichtet oder Windeln gewechselt. Nach dem Mittagessen mit den drei Pfarrern der Gemeinde ging es von 13.45 bis 18.15 Uhr in der Schule weiter. Dort habe ich der Lehrerin geholfen, etwa beim Heftkorrigieren, oder Kindern, die sich schwer taten.

Tabitha Hinz: Ich war im Litembo Diocesan Hospital der Diözese Mbinga in Tansania eingesetzt. Mit einer Mitfreiwilligen wohnte ich im Gästehaus auf dem Krankenhausgelände. Erst habe ich dem Klinikpersonal zugeschaut und dann im Operationssaal assistiert. Das hieß, Instrumente reichen, Patienten beim Aufwachen aus der Narkose betreuen, beim Putzen des OP-Saals helfen. Als Medizinstudentin brachte ich bereits Erfahrungen aus Deutschland mit. Dann habe ich auf einer Station für Innere Medizin bei der Pflege mitgearbeitet, Medikamente verteilt, Visiten begleitet, Pflegeberichte geschrieben. Ich konnte viele Fragen stellen, was ich als sehr angenehm empfunden habe.


Was ist Ihnen am intensivsten in Erinnerung geblieben?

Johanna Pfeuffer: Es war eine ganz andere Welt. Es gibt sehr viele junge Menschen in Bolivien, und viele werden schon mit 19 oder 20 Jahren schwanger. Man hört das zwar immer, aber es zu sehen, war etwas Anderes. Aufgefallen ist mir auch, dass bei manchen alles o.k. wirkte, aber es nicht war. In dem Basketballteam, in dem meine Mitfreiwillige Julia und ich in unserer Freizeit mitspielten, gab es einen 14-Jährigen, der schon mit Drogen gedealt hatte. Er war abgerutscht und sollte durch das Basketballspielen wieder eine Chance bekommen.

Tabitha Hinz: Am intensivsten habe ich die Zeit ganz am Anfang wahrgenommen, als alles neu war. Mir kommt der erste Marktbesuch in den Kopf. Es gab exotische Früchte und bunt gemusterte afrikanische Stoffe. Dazu die Gerüche von den Essensständen, die Lautstärke und die fremde Sprache. Es war überwältigend.


War der Wechsel von einem ­Industrie- in ein Entwicklungsland schwierig für Sie?

Johanna Pfeuffer: Wir hatten Vorbereitungsseminare und uns mental darauf eingestellt. Aber dort zu sein ist anders. Du siehst Straßen, die nicht geteert sind, meist einstöckige Häuser mit weniger Luxus als in Deutschland. Wir hatten in unserer Unterkunft eine Waschmaschine, was sonst kaum jemand hatte. Außerdem fällst du gleich auf mit deiner Hautfarbe. Dir wird auf der Straße zugepfiffen, du wirst angeschaut und die Leute denken, du bist reich, weil du aus Europa kommst. Im Vergleich bist du es auch. In Santa Cruz kostet eine Fahrt durch die Stadt im Kleinbus rund 20 Cent.

Tabitha Hinz: Letztendlich ist es mir nicht schwergefallen. Viele Dinge klingen von Deutschland aus weit weg wie die regelmäßigen Stromausfälle, die es in Litembo gibt. Aber sobald man dort ist, kommt man schnell in die neuen Lebensgewohnheiten hinein. Man geht nicht in den Supermarkt, sondern auf den Markt. Man muss sich nur etwas umgewöhnen, aber nicht so viel abgewöhnen. Im Krankenhaus gab es weitere Stromquellen wie Solarstrom, sodass wir nicht auf das öffentliche Stromnetz angewiesen waren.


Haben Sie an sich selbst neue Seiten entdeckt?

Johanna Pfeuffer: Ja, zum Beispiel war ich sehr schüchtern, was das Ansprechen von Leuten angeht. Das lernst du mit der Zeit, weil du so viele Leute kennenlernst. Am Sonntag nach unserer Ankunft war in der Pfarrei Sagrada Familia gleich das Pfarrfest. Viele Leute gingen auf uns Freiwillige zu und sprachen uns an. Mit der Zeit gehst dann auch du auf andere zu.

Tabitha Hinz: Ich bin viel kommunikativer geworden. Mit fällt es mittlerweile viel leichter, auf fremde Leute zuzugehen und mich mit Fremden länger zu unterhalten. Außerdem war es für mich bereichernd, an einem komplett fremden Ort neu anzufangen. Das schenkt mir das Vertrauen, dass es mir auch in Zukunft wieder gelingen würde.


Wie haben Sie den plötzlichen Abbruch Ihres „weltwärts“-Jahres erlebt?

Johanna Pfeuffer: Im Januar wurde in Santa Cruz beim Mittagessen in der Pfarrei über den Corona-Ausbruch in China geredet. Aber das war noch weit weg. Irgendwann wurde ganz viel über Italien und Spanien geredet. Es hieß, in Brasilien gebe es einen oder eine Handvoll Corona-Fälle. Da waren wir beun­ruhigt, weil Brasilien Boliviens Nachbarland ist. Aber mit einem Abbruch des Aufenthalts haben wir gar nicht gerechnet. Am 12. März sind wir wie immer in die Guardería gegangen. Da hat die Erzieherin gesagt, dass der Flughafen von Santa Cruz geschlossen werden soll. Am selben Tag hat die Regierung Schulen und Kitas vorläufig geschlossen. Das haben wir erfahren, als wir zurück in der Pfarrei waren. Meine Mitfreiwillige und ich, wir konnten uns das nicht vorstellen, also sind wir zur Schule gelaufen, die geschlossen war. Es kam alles sehr plötzlich und wir wussten nicht, was wir mit unserer freien Zeit anfangen sollten.

Am 15. März haben wir noch einen Tagesausflug nach San Luis gemacht und waren unterwegs im Schwimmbad. Am nächsten Tag haben die „weltwärts“-Freiwilligen in Afrika in unserer gemeinsamen Whatsapp-Gruppe geschrieben, dass es schlechte Nachrichten für uns alle gibt. Wir haben erst gedacht, das betrifft nur die Freiwilligen in Tansania und Südafrika. Dann kam eine SMS vom Referat Weltfreiwilligendienste mit der Bitte, anzurufen. Uns wurde gesagt, dass wir heim müssen, weil das Gesundheitssystem kollabieren könnte. In dem Moment denkst du dir: Das kann nicht euer Ernst sein! Damit rechnest du nicht. Wir haben erst mal geheult und waren die nächsten Tage echt fertig. Ich bin zu dem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass der Ausnahmezustand nur einige Wochen anhält. Das Schlimme war, dass wir uns wegen der Schließungen nicht von den Menschen in der Kita, der Schule oder dem Basketballteam verabschieden konnten. In den nächsten zwei Wochen gab es viel psychischen Stress, weil erst ein Flug abgesagt wurde und lange kein neuer zu bekommen war. Den Kontakt mit Würzburg haben wir telefonisch gehalten. Nach viel Hin und Her und langem Warten kamen wir am 28. März nach Hause.

Tabitha Hinz: Für mich war das eine ziemlich schlimme Erfahrung, heraus­gerissen zu werden. Ein, zwei Wochen vor unserer Rückkehr haben wir durch unsere Verwandten und Freunde in Deutschland etwas vom Coronavirus mitbekommen. Auch im tansanischen Fernsehen gab es Hinweise, dass man sich die Hände waschen und aufpassen soll. Aber selbst eine Woche vor unserer Rückkehr war das Thema kaum relevant für uns. Als in Deutschland die Schulen geschlossen wurden, haben wir von unseren Ansprechpartnern in Würz-burg Bescheid bekommen, dass wir abreisen müssen. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Unsere Freunde in Tansania und auch wir konnten das nicht verstehen, weil es zu diesem Zeitpunkt dort sehr wenige Erkrankte gab. Einen Tag später sind wir abgereist, erst nach Daressalam, von wo aus wir wenige Tage später zurückflogen. Zwei Flüge wurden abgesagt, einen haben wir wegen einer Busverspätung verpasst, beim vierten Versuch hat es geklappt. Wegen der vielen Infektionen in Europa war es schwierig, eine Flugverbindung nach Deutschland zu bekommen. In dieser Woche hätte ich mit den „weltwärts“-Verantwortlichen in Würzburg nicht tauschen wollen. Wenigstens konnten wir vor unserer Abreise noch einmal mit den Priestern in Litembo zu Abend essen und den letzten Abend mit unseren Freunden verbringen. Wir waren total traurig. Aber ich sehe es als großes Privileg, dass wir nach Deutschland zurückfahren konnten, in ein Land mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt.


Was haben Sie für sich mitgenommen aus Santa Cruz und Litembo?

Johanna Pfeuffer: Du weißt jetzt, wie sich Ausländer in Deutschland fühlen. Die Leute in Santa Cruz sind gastfreundlich, und trotzdem merkst du, dass du deutsch bist und die anderen nicht. Du musst ein Netz von Kontakten erst aufbauen. Wir hatten es gut, weil wir in der Pfarrei ständig von Leuten umgeben waren. Du wirst selbstständiger, weil du drüben keine Eltern hast. Und du wirst toleranter, weil in Südamerika vieles spontan läuft.

Tabitha Hinz: Vor allem weiß ich jetzt, wie es ist, als fremde Person in ein Land zu kommen, die Sprache und die Kultur noch nicht zu kennen. Damit geht auch eine große Dankbarkeit den Leuten gegenüber einher, die sich meiner angenommen haben und mich so, wie ich bin, akzeptiert haben.

Interview: Ulrich Bausewein

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