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Vor 20 Jahren wurde die Palliativstation des Würzburger Juliusspitals gegründet

So viel Normalität wie möglich

Nein, es geht ganz und gar nicht immer traurig zu, dort, wo Dr. Rainer Schäfer arbeitet. „Es wird bei uns auch viel gelacht“, sagt der Leiter der Palliativstation des „Klinikums Würzburg Mitte, Standort Juliusspital“. Das klingt zunächst merkwürdig, ist Schäfer doch an einem Ort tätig, wo ständig jemand stirbt. „Doch wir bemühen uns um so viel Normalität wie möglich“, betont der Chefarzt anlässlich des Jubiläums seiner Einrichtung: Im Mai vor 20 Jahren wurde die erste Patientin auf der Palliativstation aufgenommen.

Gespräche mit sterbenskranken Menschen müssen mit Fingerspitzengefühl und viel Empathie geführt werden. Allein das macht Palliativstationen innerhalb eines Krankenhauses zu speziellen Abteilungen. „Die Gespräche sind zudem höchst individuell“, berichtet Schäfer. Menschen, die wegen eines schweren Leidens existenziell bedroht sind, dürften nicht mit Fakten erschlagen werden: „Wir sprechen sehr behutsam mit jenen, die zu uns kommen.“ Viele wollen kurz vor ihrem Tod nicht mehr allzu intensiv über ihr Leiden reden: „Ihre Krankengeschichte hat sie ja nun schon viele Jahre lang begleitet.“ Im Grunde ist fast alles gesagt.

Das Einst und das Jetzt

Beschäftigte im Krankenhaus müssen bekanntermaßen unter Hochdruck arbeiten. Zu einer Palliativstation passt das nicht. Dennoch sagt Schäfer: „Auch wir sind keine Insel der Seligen.“ Im Gegenteil. In den vergangenen 20 Jahren stieg auch auf Schäfers 15-Betten-Station der Druck stark an. Was der Palliativmediziner extrem kritisch sieht. Der Blick auf die Verweildauer gibt eine Ahnung davon, wie enorm die Belastungen gestiegen sind: „Vor 20 Jahren waren die Patienten im Schnitt 13,6 Tage bei uns, jetzt liegt der Durchschnitt nur noch bei 7,6 Tagen.“

Vergleicht er das Einst und das Jetzt, kommt er ins Grübeln. Daran, wie wir mit sterbenden Menschen umgehen, misst sich schließlich der Grad unserer Humanität. Der Mediziner würde sich wünschen, dass die palliativmedizinische Versorgung im Krankenhaus in ein weniger „strenges Korsett“ eingeschnürt wäre: „Derzeit werden wir von den Kostenträgern sehr scharf beäugt.“ Das Hospiz- und Palliativgesetz von 2015 habe die Situation zwar etwas verbessert: „Doch Krankenhäuser werden ja nach wie vor als Wirtschaftsbetriebe betrachtet.“ Und nicht als Einrichtungen, die helfen und für Humanität sorgen.

Schäfer gibt sich keinen Illusionen hin, er weiß, dass der Kurs angesichts des drohenden finanziellen Desasters durch die Pandemie noch stärker in Richtung Kostendruck gehen wird. Das ist in seinen Augen schlecht angesichts der Diskussionen um das Recht auf assistierten Suizid. Wobei seine Einrichtung bisher noch kaum mit diesem Thema konfrontiert worden ist.

Rund 500 Patienten pro Jahr

Dies liege auf der Hand: „Ein Veganer geht ja auch nicht zum Metzger.“ Wer Hilfe beim Suizid wünscht, wendet sich nicht an eine Palliativstation. „Bis jetzt gab es nur drei Menschen, die in die Schweiz fuhren, weil unser Angebot für sie nicht ausreichend war“, sagt der Arzt.

Es ist nicht leicht, sich zu dem Entschluss durchzuringen, das eigene Leben zu beenden. Wie sehr selbst Schwerstkranke nach Hoffnungsschimmern lechzen, davon spricht eine andere Zahl: „Von sechs Patienten aus unserer Station weiß ich, dass sie einen Termin bei Dignitas abgesagt haben.“ Dignitas ist eine Schweizer Sterbehilfeorganisation.

Diese Zahlen verschwinden allerdings in der Gesamtsumme: In den vergangenen 20 Jahren wurden weit über 6000 Schwerstkranke palliativmedizinisch versorgt. Schäfer: „Derzeit haben wir im Jahr rund 500 Patienten.“ Viele leiden an Tumoren. Etliche aber auch an neurologischen Erkrankungen. Die jüngste Patientin ist derzeit 50. Kürzlich verstarb eine 102 Jahre alte Dame.

Vom Juraprofessor bis zum Obdachlosen kommen Menschen quer durch alle Schichten. Nur eine Gruppe ist bis heute unterrepräsentiert, sagt Schäfer: „Migranten machen inzwischen einen Bevölkerungsanteil von 20 Prozent aus, doch diese Quote erreichen wir nicht.“ Dies liege daran, dass es Menschen aus anderen Kulturkreisen nach wie vor sehr schwer zu vermitteln sei, warum auf einer Palliativstation nicht mehr therapiert wird. Schwierig ist die palliativmedizinische Versorgung zum Teil auch wegen Verständigungsproblemen. Und der Tatsache, dass familiäre Dolmetscher nicht alles übersetzen, was Ärzte sagen, um den Erkrankten zu schonen.

Konflikte brechen auf

Lag ein Patient mit einem Familienmitglied zeitlebens im Clinch, bringt er diese Problematik mit. Gerade auch diese Tatsache macht die Arbeit sehr speziell. „Wir sind auch in psychosozialer Hinsicht eine Intensivstation“, sagt Schäfer nachdenklich. Im Rückblick sei festzustellen, dass Angehörigengespräche immer anspruchsvoller wurden: „Was daran liegt, dass wir es immer häufiger mit Patchworkfamilien zu tun haben.“ Konflikte, die jahrelang vor sich hin schwelten, können dann, wenn jemand stirbt, plötzlich mit Vehemenz ausbrechen.

Schäfer achtet darauf, dass die Belastungen niemanden im Team krank machen. „Sowie Bedarf besteht, bieten wir jeder Pflegekraft und jedem Arzt Supervision an“, erklärt er. Trotzdem die Arbeit sehr anspruchsvoll ist, gibt es nur wenig Fluktuation. Ärzte müssen nicht ununterbrochen auf der Station erbeiten: „Man kann bei uns nach ein oder zwei Jahren erst mal wieder auf eine andere Abteilung rotieren.“

Als sehr unterstützend werden die Angebote der ebenfalls vor 20 Jahren gegründeten Akademie für Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit erlebt. Die Frage, ob Zuschüsse gestrichen werden, treibt Schäfer hinsichtlich der Akademie derzeit um. Bisher förderte das Gesundheitsministerium Qualifizierungsmaßnahmen in „Palliative Care“ im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel. Dass diese Kurse weiter günstig angeboten werden können, wäre sehr wichtig, denn Pflegekräfte lernen hier, unheilbar Kranke ganzheitlich zu betreuen. Durch eine gute Schmerztherapie. Professionelle Kommunikation. Und Wissen, wie man noch Lebensqualität erreichen kann.

Palliativakademie

Ärzte werden in der Akademie zu Palliativmedizinern weitergebildet oder erfahren mehr darüber, wie sie mit ethischen Fragen der Therapiebegrenzung, mit Patientenverfügungen oder mit demenziell veränderten Patienten umgehen. Viele Vorträge sind für alle Interessierten offen. Ob zum Beispiel Homöopathie in schwierigen Situationen helfen kann, wird bei einem Seminartag am 12. Mai erläutert. Demnach können homöopathische Arzneien unruhigen und von Angst geplagten Patienten helfen. Fast ausgebucht ist ein Seminar am 19. Mai über Probleme in der Kommunikation. Es basiert auf der Erkenntnis, dass nur rund 75 Prozent dessen, was wir sagen, richtig beim Gegenüber ankommt.

Chefarzt Schäfer möchte so bald wie möglich wieder normal arbeiten können, denn die Pandemie belastet immens. „Ich habe die Hoffnung, dass wir dann, wenn die Impfquote sehr stark steigt, endlich wieder mehr Normalität haben“, sagt er. Dass in naher Zukunft ein Medikament gegen Covid-19 kommt, glaubt er allerdings nicht. Es werde derzeit zwar sehr viel ausprobiert: „Aber ich sehe noch keinen Stein der Weisen.“

Dass es seit 2001 vielfach gelungen ist, Menschen, die keine Zukunftsperspektive mehr haben, in ihren letzten Lebenstagen auf der Palliativstation noch Lebensqualität zu geben, darüber ist Rainer Schäfer glücklich. Der anfangs nicht einfache Kampf um eine Palliativstation hat sich also gelohnt. Davon zeugen auch die Eintragungen im Abschiedsbuch, das im nach wie vor zugänglichen „Raum der Stille“ ausliegt.

Pat Christ

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