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Sie gibt der Stadt ein Gesicht

Seht, sie bewegt sich “– unter dieser Schlagzeile berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 1948 über ein vermeintliches Wunder: Zwei Knaben wollten gesehen haben, dass die sieben Meter hohe bronzene Marienfigur der Kirche Santa Maria degli Angeli in Assisi atme und sich dabei leicht bewege. Ein Wunder? Der Vatikan erklärte dies als Täuschung. In Würzburg aber bewegt sich tatsächlich eine Marienfigur: die 3,45 Meter hohe goldene Doppelmadonna auf der Spitze des Turms der Marienkapelle. Der Wind bringt diese mittels einer drehbaren Eisenkonstruktion wie eine Wetterfahne in Drehung – und das seit 300 Jahren. Unbemerkt hat die barocke Schmiedearbeit am 14. Juni dieses Jahres 300. Geburtstag begangen. Ein Grund, die Blattvergoldete noch vor Ablauf des Jubiläumsjahres zu würdigen, rechtzeitig zum Hochfest Mariens am 1. Januar.
Schöpfer dieses besonderen Bildwerks ist der aus Mecheln stammende spätere Hofbildhauer Jakob van der Auwera (1672 bis 1760). Er hat das Modell der Doppelmadonna im Auftrag des überaus kunstsinnigen und baufreudigen Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenclau zu Vollraths (Regierungszeit: 1699 bis 1719) geschaffen. Ausgeführt hat dieses Modell der Würzburger Goldschmied Martin Nötzel. „Beide Künstler erhielten hierfür 3667 Gulden und 30 Kreuzer“, schreibt Bernhard Pedraglia in seinem Büchlein von 1877 zum500-jä­h­­rigen Jubiläum der Marienkapelle. Außerdem, so der Autor weiter, hatte Fürstbischof von Greiffenklau „5 Centner Kupfer, 2 Centner Eisen und zur Vergoldung 400 Ducaten“ zur Verfügung gestellt. Grund für das neue Werk: Die Vorgängerfigur war kurz zuvor durch Blitzeinwirkung zerstört worden.  

Weihe am 14. Juni 1713

Den kirchlichen Segen erhielt die goldene Doppelmadonna am 14. Ju­ni 1713 von Weihbischof Bernhard Mayer, einem Juristen und Theologen sowie ehemaligen Kanoniker von Stift Haug. Als Weihbischof hat er 43 Jahre gewirkt bis zu seinem Tod 1747. Im Anschluss an die Weihe sei das Bildwerk nach oben gezogen worden, so beschreibt es der Autor der Jubiläumsschrift von 1877. Dann sei das Bildnis in die Helmstange des Turmes einge­lassen worden. Weiter heißt es: „Als das Werk glücklich vollendet war, ertönte das Geläute der Glocken und das auf dem Marktplatz versammelte Volk fiel auf die Knie und betete laut den englischen Gruß.“  

Kupferblech vergoldet

Aus feuervergoldetem Kupferblech besteht die Doppelmadonna, die zusammen mit der Unterkonstruktion 508 Kilogramm wiegt, wovon beide Figurenhälften zsuammen 149 Kilogramm auf die Waage bringen. Woher man das weiß? Im Juli vor elf Jahren war das barocke Kunstwerk unter großer Anteilnahme der Öf­fentlichkeit von der Würzburger Kunstschmiede und Restaurierungswerkstatt Sauer abmontiert worden. Ganz so schlimm wie bei der letzten Renovierung aus dem Jahre 1952 entpuppte sich die erneute Frischkur nach 60 Jahren doch nicht: Korrodierende Teile der ursprünglich feuervergoldeten Figur mussten gereinigt und der alte spröde Kitt entfernt werden. Kleine Löcher wurden geschlossen, die Rückseiten gereinigt und mit Hartwachs konserviert. Mit gelben Haftgrund wurden die Vorderseiten zweimal grundiert, fehlende Teile wie Sterne, Lilienblüten und Blätter von der Kunstschmiede nachgefertigt. Zum Abschluss der rund 27000 Euro teuren Restaurierung – dazu zählten unter anderem auch das Herrichten der übrigen Teile wie Stütz- und Drehgestänge sowie Kugelhälften – erhielt die Doppelmadonna ihre jetzige Strahlkraft: 160 Gramm24-karätiges Blattgold von einem tausendstel Millimeter Stärke wurden aufgetragen und mit einem Achatstein zum Glänzen gebracht.  

Maria Immaculata

Vom Typus her entspricht die Doppelmadonna der Maria Immaculata, der unbefleckten Empfängnis Mariens. Dieses Glaubensdogma besagt, dass die Gottesmutter von jedem Makel der Erbsünde befreit ist. Fünf Jahre vor dem Anbringen der Doppelmadonna war 1708 das Fest Mariä Empfängnis von Papst Clemens XI. für die katholische Kirche vorgeschrieben worden. Und der Typus der Doppelmadonna? Dieser ist nicht einzigartig. So ist die Madonna auf dem Marienturm der Festung Marienberg beispielsweise auch vom gleichen Typus. Nur: Unsere Doppelmadonna stammt aus der Barockzeit, die vom Marienberg ist eine Kopie von 1877; französische Soldaten hatten das Original 1814 beschädigt.

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