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Zeit zum Durchatmen bei einer Mutter-Kind-Kur

Mal nur wir drei

Für 300 Meter Weg stolze 15 Minuten, mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau. Das war neuer Rekord. Zumindest für mich, was die Langsamkeit betrifft. Normalerweise geht das schneller. Aber drei Wochen sollte es anders sein. Entschleunigung, endlich wieder spüren, was Langsamkeit mit mir macht.

Auch darum hatte ich mich entschieden, im Frühsommer mit meinen zwei Töchtern, sechs und zwei Jahre alt, eine Auszeit zu nehmen.

Mein Schritttempo ist normalerweise flott – als Mutter, Berufstätige und Hausfrau, um alles tagtäglich pünktlich unter einen Hut zu bekommen. Der Tag hat nun mal nicht mehr Stunden und daheim passt eine Menge in diese Stunden, wenn ich sie nur halbwegs durchorganisiere. Doch meine Kindern halten mir den Spiegel vor, wenn ich wieder gereizt oder verärgert auf sie reagiert hatte, nicht selten unnötig. Die Luft war raus und ich brauchte eine Pause. Dass das vielen so geht, erklärt Martina Zawierta von der Caritas Kur-Beratung in der Diözese Würzburg: „Der Bedarf ist riesig, die Kur-Häuser sind ausgelastet, oft gibt es Wartezeiten.“ Ein halbes Jahr nach Antragsstellung saßen wir im ICE auf dem Weg zur Nordseeinsel Wangerooge.

Riesiger Bedarf

Rund 50 000 Mütter und Väter nehmen jährlich an Mütterkuren, Mutter-Kind-Kuren oder Vater-Kind-Kuren in den Kliniken im Müttergenesungswerk (MGW) teil. Die meisten geben starke Erschöpfung, Schlafstörungen und Rückenbeschwerden als Beeinträchtigungen an. Ständiger Zeitdruck und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf belasten Mütter wie Väter. 83 Prozent der Mütter sind erwerbstätig, fast 50 Prozent in Teilzeit – daneben sind sie in den meisten Fällen die Hauptverantwortlichen für den Haushalt und die Organisation der Familie. Das belastet und kann krankmachen, insbesondere wenn die Anerkennung dafür fehlt, wie bis zu 37 Prozent der Mütter bei der Befragung angeben. Und: Mütter haben häufig das Bedürfnis, stressfreie Zeit für sich alleine und mit ihren Kindern zu bekommen.

Auch mein Kur-Ziel war es, durchzuatmen, mich selbst wieder zu spüren. Schulter-Nacken-Rückenschmerzen – ich bin eine von vielen, bei der das Tragen von Kleinkindern und die einseitigen Belastungen zu Buche geschlagen haben. Dass dies nach der Kur gänzlich verschwunden sein würde, hatte ich nicht erwartet; mir wohl aber Impulse für den Alltag erhofft. Und die bekamen wir Frauen mit einem umfangreichen Sport- und Bewegungsprogramm, das Anreize gab, zuhause aktiv zu werden.

Doch um selbst entspannen zu können, müssen auch die Gegebenheiten vor Ort stimmen. Jede Mutter, die mit jügeren Kindern reist, sollte zunächst klären, was das Haus anbietet –gerade bei Kleinkindern: Gibt es Leihbuggys? Schlafen die Kleinkinder in der Gruppe oder bekomme ich sie ins Zimmer zurück? „Darum ist die Beratung so wichtig, denn wir helfen ein möglichst passendes Haus zu finden und klären viele Aspekte, die dann unterstützen, dass die Kur gelingt.“ Martina Zawierta ermutigt Frauen, die kostenlose Beratung aufzusuchen. „Oft stellt sich erst dann heraus, was der Frau gut tut, was ihr wichtig ist, welche Erwartungen sie hat.“ Frau solle sich bewusst machen, dass eine Kur zu den Vorsorge-Maßnahmen gehört; eine Mutter-Kind-Kur ist als Stein des Anstoßes zu verstehen: Was kann ich im Alltag verändern, damit es mir besser geht? Selbstfürsorge sei das Stichwort. „Das ist ganz einfach“, erklärt Martina Zawierta. „Wenn es Ihnen gut geht, geht es auch der Familie gut.“

Nur Mut bei Ablehnung

Auch unterstützt die Beratungsstelle, falls ein Kur-Antrag zunächst abgelehnt wird. Martina Zawierta macht Mut: „Dann sollte auf jeden Fall ein Einspruch erfolgen, denn sehr häufig erleben wir es, dass die Kur dann doch bewilligt wird.“ Wer sich dem möglichen bürokratischen Aufwand nicht alleine stellen möchte, der ist bei einer Beratungsstelle gut aufgehoben. Auf der Internetseite des Müttergenesungswerkes findet sich eine Übersicht. „Aus der Erfahrung heraus wissen wir, welche Punkte gerade bei den Anträgen und Formularen wichtig sind“, sagt Zawierta.

Auch ich habe mir im Vorfeld Gedanken gemacht. Doch meine Kinder lehrten mich, dass sie sich schnell an neue Gegebenheiten anpassen können. Die Kleine erweiterte in großem Maße ihren Wortschatz und die Fähigkeit sich auszudrücken. Die Große wuchs an den Aufgaben in unserem dortigen Alltag. Ihr hat all das sehr gut getan. Und sicher auch die Tatsache, dass ich ganz für sie da war: ohne Verpflichtungen, Termine oder Erinnerungszettel am Kühlschrank. Das waren Momente des Wir – mal ganz pur. Viel Zeit für besonders schöne Blümchen am Wegrand oder die tausendste Muschel am Strand. Wir waren auf der Insel und niemand störte uns dort. Wir hatten in der Zeit weder Fernsehen noch Tablet und kaum Handyempfang. Aber vermisst haben wir all das nicht. Es war für uns der richtige Ort, auch wenn die Anreise sehr anstrengend war.

Dessen war ich mir bei der Planung bewusst und habe es doch in Kauf genommen – eine gute Entscheidung, die ich nicht bereut habe. „Wären Sie zu mir zur Beratung gekommen, ich hätte ihnen möglicherweise von der weiten Reise abgeraten“, sagt Martina Zawierta. „Denn gerade, wenn eine Mutter schon müde und abgeschlagen aufbricht, ist so eine lange Tour noch einmal belastend.“ Das war nach der langen Anreise auch spürbar; aber nach zwei Tagen waren wir ganz angekommen, in der Kinderbetreuung, mit meinem Therapieplan und in der Gruppe mit den 41 anderen Frauen.

Meine Kinder waren am Vormittag gut versorgt, es wartete weder der volle Schreibtisch im Büro daheim noch ein Haufen Wäsche – also konnte ich endlich wieder walken. Schuhe an, Stöcke in die Hand und los. Dass ich bei meiner ersten Tour im dichten Nebel am Strand von Wangerooge eine sehr mitteilungsbedürftige Mutter an meiner Seite hatte, lehrt mich, meine Sportausflüge künftig allein zu unternehmen.

Zeit nur für mich

Auch auf dieser Ebene hat eine solche Kur einen Lerneffekt: Wo und wie grenze ich mich ab? Was tut mir gut? Die Zeit an diesem schönen Ort am Meer war begrenzt, und ich wollte nichts davon vergeuden. Zu schön war das Gefühl, einen Gedanken endlich wieder zu Ende denken zu können. „Gerade das soll den Frauen in der Kur wieder bewusster werden; auf sich selbst zu achten, in sich hineinzuhören. Daheim im Alltag vertrösten wir uns selbst gern auf später“, erklärt Martina Zawierta.

Ich konnte mir dort wieder zuhören und dadurch auch den Kindern; mit dem Eis in der Hand auf der Mauer sitzend über das reden, was die Große bewegt. Oder sich von den kleinen Dingen, die die Welt für die Jüngste gerade so spannend machten, mitreißen lassen. Ich habe mich darauf konzentriert, meinen Kindern ins Gesicht zu sehen, wenn wir miteinander sprachen. Um ihnen und besonders auch mir selber das Gefühl zugeben, das sie gerade wichtiger sind, als alles andere Drumherum. Besonders in diesen drei Wochen. Nach dieser Zeit wird routinemäßig Platz gemacht für einen neue Gruppe Mütter. Dieser regelmäßige Wechsel in den Einrichtungen ist durchdacht, schildert Zawierta: „Es soll eine Gruppendynamik unter den Frauen entstehen, ein Raum von Gleichgesinnten, in dem ich mich wohl fühlen kann. Denn auch das dient der Genesung.“

Eine Mutter-Kind-Kur ist für lange Zeit eine einmalige Gelegenheit, denn erst nach Ablauf von vier Jahren kann ein neuer Antrag gestellt werden. Ich habe besonders vor diesem Hintergrund unsere Kur als etwas Besonderes gesehen. Als ich am vorletzten Tag noch einmal auf der Düne stand, den Wind im Gesicht und das Meer vor mir, konnte ich endlich wieder richtig tief durchatmen. Ein gutes Gefühl, das ich mit nach Hause genommen habe.    

Judith Bornemann

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