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PR-Expertin Miriam Christof über innovative kirchliche Jugendarbeit

„Jede Woche eine Person mehr“

Für Miriam Christof ist es Teil ihres Berufs, Menschen anzusprechen und ihr Interesse zu wecken. Dabei ist sie keine Seelsorgerin. Sie hat jahrelang in den USA in der Marketingbranche gearbeitet, seit 2019 verantwortet sie das Marketing und die Unternehmenskommunikation der Würzburger Erlöserschwestern. 2018 gab sie bei der Jugend-Seelsorge-Tagung auf dem Volkersberg Tipps, wie kirchliche Jugendarbeit innovativ sein kann. Im Interview teilt sie ihre Erfahrungen mit dem Sonntagsblatt.

Frau Christof, Sie sind Vertriebs- und Marketingexpertin. Was kann die Kirche von Wirtschaftsunternehmen lernen?

Zunächst einmal, Mitarbeitern zu vertrauen und ihnen Raum zum Ausprobieren zu geben, um Innovation erst zu ermöglichen. In der Kirche betrifft das Pastoral- und Gemeindereferenten genauso wie die Kirchliche Jugendarbeit (kja) und den Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Viele Unternehmen in den USA, zunehmend auch in Deutschland, richten zum Beispiel Innovations­laboratorien ein. Ein solches Labor, das häufig außerhalb des Firmengeländes angesiedelt ist, ermöglicht den Ausstieg aus dem Alltagsgeschäft und das Zusammenkommen mit Kollegen aus anderen Fachbereichen. Zweitens wird in der Kultur moderner Technologieunternehmen Scheitern als Erfolg gesehen. In der Kirche ist es dagegen eher so, dass eine Gemeindereferentin oder ein Pastoral­referent vom Pfarrer zwar die Erlaubnis bekommt, eine neue Veranstaltung auszuprobieren. Kommen dann aber nur drei Leute, ist das Projekt tot, selbst wenn es vielleicht daran gelegen hat, dass zeitgleich eine attraktive Konkurrenzveranstaltung stattfand. Bloß weil eine Idee nicht beim ersten Mal funktioniert, muss man sie nicht gleich absägen. Damit verlieren Mitarbeiter das Vertrauen und auch den Mut, weitere Projekte vorzuschlagen.

Womit können kirchliche Anbieter denn punkten, was ist ihr „Mehr-Wert“?

Ein großes Pfund, mit dem die Kirche wuchern kann, ist die christliche Kernbotschaft. Diese hat kein Musikfestival, kein Kino und kein Konzertveranstalter im Angebot. Jeder zweite Mensch spricht heute über Achtsamkeit. Und es gibt eine große Gruppe von Jugendlichen, die keine Affinität zur Kirche haben, aber nach Sinn suchen. Die Schule meiner 17-jährigen Tochter hat eine Taizé-Fahrt angeboten, bei der viele dabei waren, die nicht jede Woche den Gottesdienst besuchen. Das Angebot kam an, obwohl Taizé das Gegenteil von Eventkultur darstellt. Mit Sinnhaftigkeit und Gemeinschaft punkten wir. Wobei sich viele Jugendliche nach einer Gemeinschaft sehnen, in der sie nicht sofort in eine Rolle eingeordnet werden. Mitarbeiter der Kirche sollten also erst einmal nur da sein. So haben sie die Chance, ganz unterschiedliche Leute kennenzulernen.

Welche gelungenen Beispiele innovativer Jugendarbeit im Bistum Würzburg können Sie nennen?

Die Jugendkirche „kross“ in Schweinfurt kenne ich und ich bin ein großer Fan von ihr. Die vom großen Kirchenraum abgetrennte Krosskirche finde ich wunderbar. Gepredigt wird dort vom iPad, und „kross“ arbeitet sehr viel mit Licht und Musik, was junge Leute anspricht. Die Lieder werden an eine große Leinwand projiziert, so dass Besucher gemeinsam singen können. Wichtig für die Jugend­arbeit ist auch, Menschen außerhalb von Gottesdiensten zusammenzubringen und dorthin zu gehen, wo die Jugendlichen eh schon sind. Sehr gelungen finde ich auch die 72-Stunden-Aktion des BDKJ. Da müssen Jugendliche nicht in die Kirche kommen und singen und beten, sie bekommen nicht sofort einen Seelsorger aufs Auge gedrückt. Trotzdem folgen sie bei ihrer gemeinnützigen Arbeit direkt dem Evangelium und erleben Gemeinschaft.

Die 72-Stunden-Aktion des BDKJ ist ein gemeinnütziges „Event“. Braucht die Kirche mehr zeitlich begrenzte Projekte mit „Event“-Charakter?

Ja, ich glaube, sie sind unser Türöffner zu Jugendlichen. Kirche muss erlebbar sein, und sei es, dass sie sich an bestehende Events wie Musikfestivals „dranhängt“. Was aber häufig fehlt, ist der Prozess danach, die Reflexion. Bei Innovationen sollte man sich von Beginn an überlegen, wie man den Erfolg misst, um schnell festzustellen, ob eine Idee funktioniert. Das macht man nicht, weil man Angst hat, zu scheitern. Es geht darum, immer näher an die beste Lösung zu kommen, um Jugendliche zu erreichen. Wenn man ein schnelles Scheitern eines Projektes auch als Erfolg sehen kann, mit dem man zur bestmöglichen Lösung kommt, dann ist Scheitern eine ganz wichtige Komponente von Innovation.

Zum Teil sehen wir jedoch die bestehenden Chancen nicht, die sich uns bieten in der kirchlichen Jugendarbeit. Nehmen wir zum Beispiel die Firmung. In meiner Heimatgemeinde wird ge-firmt, und das war es dann. Das ist für mich absolut unverständlich. Warum nimmt die Firmgruppe nicht an der 72-Stunden-Aktion teil, frage ich. Meine Tochter, die selbst Firmhelferin ist, kannte die Aktion zum Beispiel nicht. Hier bestehen Chancen, die wir erkennen sollten.

Und wenn gerade keine 72-Stunden-Aktion stattfindet ...?

Noch geschieht zu wenig, Jugendliche in die kirchliche Debatte mit einzubeziehen. Was für eine Kirche wollt ihr, müsste häufiger gefragt werden, auch bei der Firmvorbereitung. Chancen ergeben sich zudem, wenn zum Beispiel in der Schule Gottesdienste vorbereitet werden. Warum nicht die Predigt eines Schulgottesdienstes in Form eines Poetry Slams von den Schülern selbst erarbeiten lassen?

Sie haben positive Beispiele kirchlicher Jugendarbeit genannt. Gibt es denn Anzeichen dafür, dass all diese Bemühungen einen spürbaren Effekt haben?

Wir rudern als christliche Jugendarbeit – aufgrund der Digitalisierung – gegen einen stärkeren Strom als vor zehn Jahren. Jugendliche haben das Bedürfnis, Gemeinschaft zu erleben, gesehen zu werden und sich geborgen zu fühlen. Da hat uns zum Beispiel Instagram eine Menge abgegraben. Die sozialen Netzwerke übernehmen teilweise Funktionen, die früher Seelsorger hatten. Und sicher waren vor 10 bis 15 Jahren Jugendgottesdienste besser besucht als heute. Wir dürfen aber nicht aufgeben. Wir müssen uns weiterentwickeln, um jede Woche eine Person mehr im Gottesdienst zu haben.

Und was ist aus Ihrer Sicht momentan der größte Hemmschuh in der kirchlichen Jugendarbeit?

Der größte Hemmschuh ist ein Pfarrer oder Mitarbeiter des Seelsorgerteams, der keinen Zugang zur Arbeit mit Jugendlichen hat. Wir haben viele, die sich nicht damit abgeben wollen oder einfach keine Erfahrung in diesem Bereich haben. Wenn ich als Seelsorger traditionell ausgerichtet bin, muss ich im Gegenzug meinen Mitarbeitern Freiraum geben und sie ihr Ding machen lassen. Nach dem Motto: Wenn du Hilfe brauchst, kannst du kommen, aber es ist dein Aufgabenbereich. Macht einfach mal, und auch wenn es nicht klappt, stehe ich hinter euch. Ich würde mir eine entsprechende Reflexion der Pfarrer wünschen. Jeder hat seine Daseinsberechtigung mit den eigenen Stärken und Interessen. Wichtig ist es für die Seelsorger aber, anzuerkennen, dass ihre Interessen nicht alles abdecken. Sie sollten sich sagen: Ich bin nicht der Hirte für alle Schäfchen, sondern wir brauchen ein Hirtenteam.   

Interview: Ulrich Bausewein

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