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Delegation aus Glattbach besuchte die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Gemeinde gedenkt der Nazi-Gräuel

Noch ist die Sonne nicht aufgegangen. Im Dunkel liegt der Rathaushof in Glattbach bei Aschaffenburg, als sich um sechs Uhr früh nach und nach drei Kleinbusse füllen. Eine Gemeinde begibt sich auf einen schweren Gang. Ziel der Fahrt im Morgengrauen ist die fast 500 Kilometer entfernte sächsische Stadt Pirna bei Dresden. In der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein war im Herbst 1940 der Glattbacher Bürger Johann Krenz von den Nationalsozialisten in der Gaskammer der Heil- und Pflegeanstalt brutal umgebracht worden.

Der am 28. Februar 1901 in Glattbach geborene Johann Krenz ist ein Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde, denen von 1940 bis 1941 über 70000 Menschen zum Opfer fielen. Aber auch nach dem Abbruch der beschönigend als „Euthanasie”-Aktion (griechisch für „guter Tod”) bezeichneten Ermordungen in den Gaskammern der Tötungsanstalten mordeten nationalsozialistische Ärzte in den psychiatrischen Anstalten weiter – ihren Tötungsspritzen oder einer speziell eingeführten Hungerkost erlagen weitere 200000 Menschen.

Von Lohr nach Pirna

Der Leidensweg des 1901 geborenen Glattbachers ließ sich mit Hilfe der Unterlagen aus den Archiven des Bezirksklinikums Lohr und der sächsischen Stellen rekonstruieren. Danach war der in der Heil- und Pflegeanstalt Lohr untergebrachte Johann Krenz zusammen mit 61 anderen Männern und 63 Frauen am 2. Oktober 1940 mit den berüchtig- ten grauen Bussen der Tötungsaktion nach Sachsen deportiert worden. Für kurze Zeit blieb ihm ein letzter Aufenthalt in der Zwischenanstalt Großschweidnitz, von der noch eine letzte Karteikarte zeugt, auf der die Bemerkung steht, er sei „zugänglich” und „beschäftig(e) sich gern”. Noch im Oktober oder spätestens Ende November 1940 wurde er mit anderen Opfern in die als Duschraum getarnte Gaskammer geführt.

Aus Lohr kamen laut der überlieferten Transportlisten insgesamt 450 oder 451 Menschen in die Tötungsanstalten. Rein rechnerisch muss es im Grunde in jeder unterfränkischen Gemeinde Opfer dieser Menschenjagd gegeben haben. In Pirna wurden in nur 14 Monaten mindestens 14751 Menschen auf diese Weise ermordet, zumindest ist das die Anzahl der Opfernamen, die mittlerweile aufgrund der Transportlisten bekannt sind.

Bunte Kreuze

Quer durch die Stadt ziehen sich heute 14751 bunte Kreuze zum Ort der Mordaktion auf dem Pirnaer Schlossberg. „Jedes bunte Kreuz signalisiert ein Menschenschicksal”, erläuterte die Vorsitzende des Kuratoriums Pirna-Sonnenstein, Juliane Hanzig, zu Beginn des Rundgangs durch die Gedenkstätte das für jeden im Stadtbild auffällige Kunstwerk. „Die Farbe ist nicht permanent, sie muss regelmäßig erneuert werden, wozu beispielsweise Schulklassen kommen und verblasste Kreuze mit frischer Farbe erneuern. Das symbolisiert, dass diese Schicksale immer wieder erzählt und neu erinnert werden müssen, um sie dem Vergessen zu entreißen, damit sich ein solches Verbrechen nie mehr wiederholt.” Hanzig zeigte sich beeindruckt davon, dass die Gemeinde Glattbach über 500 Kilometer mit einer ganzen Delegation angereist sei, ein solches Engagement eines Ortes sei „ganz außergewöhnlich”.

Bilderstelen

Nach der Führung durch die Ausstellung, die die Vorgeschichte der Nazi-Mordaktion dokumentiert, begab sich die Gruppe in die Kellerräume des Schlosses, in denen sich die Gaskammer und das Krematorium der Vernichtungsstätte befanden. Im ehemaligen Entkleidungsraum, in dem sich die Opfer ausziehen mussten, ehe sie in den vorgetäuschten Duschraum geführt wurden, stehen Bilderstelen, die den Lebensweg exemplarischer Opfer darstellten. Auf dem Sonnenstein wurden vom Kleinkind bis zur über 80-jährigen Greisin Menschen jeden Alters ermordet.

Die Ausstellung dieser Biographien im Raum neben der Gaskammer macht das Ausmaß der Verbrechen in aller Eindrücklichkeit deutlich. Das Beispiel eines Opfers, das trotz seiner zwangsweise vorgenommenen Sterilisation vergast worden ist, zeigt den Besuchern vom Untermain auf, dass alte Schuldzuweisungen unzutreffend sind: Die Spekulation im Nachhinein, ein Opfer hätte der Vernichtung entkommen können, wenn es sich nur rechtzeitig hätte sterilisieren lassen, führt zu nichts. Dass dies eine Umkehrung der wahren Schuldverhältnisse ist, wurde allen bewusst. Das Pirnaer Beispiel zeigt dagegen, dass auch eine Sterilisation nichts am Geschick vieler Opfer änderte, denn die Nazis mordeten weiter und brachten auch Zwangssterilisierte um.

Kein Ruhmesblatt

Dass die Nachgeschichte dieser Morde kein Ruhmesblatt der Entnazifizierung war, wurden bald allen klar. Kaum einer der Mörder wurde verurteilt, viele der Mediziner, die den Gashahn öffneten, praktizierten danach woanders unbehelligt als Ärzte weiter. In der Bundesrepublik entschied eine Regierungskommission nach 1957, dass die Vorgänge um die Zwangssterilisationen kein typisches NS-Unrecht gewesen seien. In der Kommission der Bundesregierung, die diese Entscheidung fällte, saßen Nazis, die selbst an diesen Taten beteiligt gewesen waren. Die Opfer erhielten demnach auch keine Entschädigung für erlittenes Leid.

In der Folge begann die Epoche der Verdrängung und die Ermordeten wurden totgeschwiegen. Damit wurden die Opfer dieser Morde ein zweites Mal stigmatisiert, galt doch einigen deren Existenz und nicht etwa deren Ermordung als Schande, die von den Familien am besten verheimlicht werden sollte. Die juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen kann, ebenso wie das Schweigen der Gesellschaft, durchaus als Skandal bezeichnet werden.

In der sich dem Rundgang anschließenden Trauerfeier im Raum der Namen gedachten die politische Gemeinde und die Pfarrgemeinde des ermordeten Glattbachers Johann Krenz und der beinahe zeitgleich in Pirna umgebrachten Kleinostheimerin Irene Weber, deren Angehörige sich der Glattbacher Gruppe bei dieser Fahrt angeschlossen hatten.

Stimmen

„Am Beispiel dieser Opfer aus unseren Heimatgemeinden wird deutlich, dass der Nationalsozialismus auch in der vermeintlich so beschaulichen Idylle des kleinen Dorfes dazu bereit war, jederzeit über Leichen zu gehen”, sagte der Glattbacher Historiker Jochen Krenz. Für die politische Gemeinde drückte Bürgermeister Fridolin Fuchs das Entsetzen der Kommune über das vergangene Geschehen aus. Damals hätten die Nazis Johann Krenz aus der Mitte des Dorfes auslöschen und selbst seinen Namen vergessen machen wollen, denn die Asche der Ermordeten wurde pietätlos am Abhang des Pirnaer Schlossberges verstreut. Dieses Unrecht werde in Glattbach nicht länger verschwiegen: „Wir als Gemeinde wollen auch bei uns ein Zeichen setzen und eine Straße nach Johann Krenz benennen, um ihm wieder einen Platz unter den Seinen zu geben.” Mit der Niederlegung eines Kranzes an der Glaswand mit den eingravierten Namen der Opfer an der Stelle, an der der Name Johann Krenz aufscheint, gedachten alle Anwesenden der Opfer.

Gottes Beistand

Dass das unaussprechliche Leid der Opfer nicht mit menschlichem Maß zu erfassen sei, betonte Pfarrer Nikolaus Hegler. Er gab in seiner Ansprache der christlichen Hoffnung Ausdruck, dass Gottes Trost und Beistand größer seien als alle menschliche Vorstellung. Am Ort der Ermordung besprengte er den niedergelegten Kranz mit Weihwasser und drückte im Gebet die Bitte aus, dass Johann Krenz und Irene Weber nach ihrem grausamen Leidensweg in Gottes Güte Ruhe gefunden haben mögen. Bürgermeister Fuchs schloss seine Ansprache mit den Worten: „Johann Krenz, Dein Glattbach hat Dich nicht vergessen, Dein Glattbach ist heute hierhergekommen, Dein Glattbach verneigt sich heute vor Dir.”

Die anwesenden Enkelinnen der Ermordeten bedankten sich bei allen Anwesenden für ihre Bereitschaft, an dieser Gedenkfahrt teilzunehmen. „Es ist ein großer Trost zu sehen, dass Euch das Schicksal von Johann Krenz nicht egal ist, dass das Unrecht so klar benannt wird”, so eine der Enkelinnen. „Ihr habt uns auf diesem Weg heute begleitet, dafür von Herzen Dank.”     

Dr. Jochen Krenz

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