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Engagierte Ehrenamtliche wollen Zukunft ihrer Gemeinde selbst gestalten

„Es geht weiter mit St. Gertrud”

Den Kopf in den Sand stecken, das ist nicht ihr Ding: die Mitglieder der katholischen Pfarrei St. Ger­trud im Aschaffenburger Stadtteil Schweinheim wollen stattdessen selbst die Herausforderungen ihrer Kirche und der damit verbundenen Gemeinschaft ­gestalten. Ein erster Schritt: das Forum „Zukunft für ­St. Gertrud“ am Sonntag Mariä Lichtmess, eine in dieser Form im Bistum Würzburg bislang wohl ­einmalige Veranstaltung.

Gut 150 Frauen und Männer, die meisten zwischen 40 und 60 Jahre alt, aber auch zahlreiche Jugendliche und einige Kinder sind gekommen, um einen Sonntag lang ihre Gemeinde und die Menschen darin besser kennenzulernen, über Wege in die (pfarrerlose) Zukunft zu sprechen und Ideen auszutauschen. „Mit St. Gertrud geht es weiter!“ so das Fazit nach rund fünf Stunden gemeinsam verbrachter Zeit auf dem Kirchengelände.

Engagiertes Team

Vorbereitet hat das Projekt das im Mai 2018 gegründete sogenannte WEG-Team „Wir entwickeln Gertrud“, allesamt engagierte Laien. Mit dabei: Bernd Aulbach, Christina Emmerth, Christoph Hartmann, Thomas Hofmann, Judith Keller, Johannes Kolb, Wolfgang Satter sowie Diakon Michael Völker. Von Anfang an begleitet haben Andreas Bergmann und Malte Krapf von der Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung des Bistums Würzburg die Gruppe. Ein Blick zurück: Seit Januar 2019 hat die 2500 Katholiken zählende Pfarrei, die zur Pfarreiengemeinschaft „Maria Frieden“ mit vier Gemeinden zählt, keinen eigenen Pfarrer mehr. Seelsorger Robert Heßberger (79), eigentlich bereits seit 2010 im Ruhestand, hatte bis zu seinem endgültigen Weggang seinem Gesundheitszustand entsprechend ausgeholfen, wo er konnte. „Uns war klar, dass wir keinen neuen Pfarrer bekommen werden und dass sich Pfarrer Markus Krauth, der unsere Pfarreiengemeinschaft leitet, und Diakon Michael Völker nicht um alles kümmern können“, sagt Christoph Hartmann (57) aus der Kirchenverwaltung. Gleichzeitig habe Heßberger aber seit seinem ersten Tag in Schweinheim im Jahr 1994 Selbstständigkeit und Eigeninitiative der ehrenamtlichen Laien in seiner Gemeinde gefördert. „Er hat uns große pastorale Freiheit gelassen“, ist Hartmann rückblickend dankbar.

So sind in St. Gertrud zahlreiche Teams entstanden, die sich selbstständig zum Beispiel um Erstkommunion, Sternsinger, Märkte, Jugendzeltlager, Kinderkirche, Chöre oder Senioren kümmern. Etwa zwei Dutzend dieser Initiativen gibt es aktuell. „Wir wollen unsere durchaus selbstbewusste Gemeinde auf den Weg zu einer neuen Form von Verantwortung und Mitbestimmung bringen“, sagt Thomas Hofmann (53), der als stellvertretender Vorsitzender der Kirchenverwaltung im Moment eine Leitungsfunktion in der Gemeinde hat.

Dass die Verunsicherung, wie es denn jetzt weiter gehe auf der Schweinheimer Höhe, vor allem unter älteren Menschen groß sei, will der Rechtsanwalt nicht leugnen.

Zukunft St. Gertrud

Wie also soll katholische Kirche in Zukunft speziell in St. Gertrud funktionieren? Was können Laien und Ehrenamtlichen dazu beitragen, dass die Gemeinde – auch wenn es keinen eigenen Pfarrer mehr gibt – eine lebendige, aktive Gemeinschaft bleibt? Was wollen die Leute? Was soll erhalten werden, was kann weg, was braucht es Neues? „Das alles sind Fragen, die wir auf Augenhöhe miteinander besprechen wollten. Und deshalb haben wir das Zukunftsforum veranstaltet“, fasst es Christoph Hartmann zusammen.

Beginn ist am Vormittag in der Kirche. Einigen älteren Damen, die in Erwartung des gewohnten Sonntagsgottesdienstes schon in den Bänken sitzen, erklärt Stefan Goldhammer (48), dass es den heute nicht gebe. „Da sind sie aufgestanden und gegangen“, bedauert der Pfarrgemeinderatsvorsitzende. Er weiß, dass nicht jeder einverstanden ist mit den „modernen Strömungen“, und sagt deshalb: „Wir brauchen für alle Altersklassen ein Angebot, das die Menschen anspricht.“  

Gemeinsam mit Diakon Michael Völker und Kirchenpfleger Thomas Hofmann begrüßt Goldhammer die Besucher, die erwartungsvoll um sich blicken. Sie sehen ihre Kirche heute zum bunten, quirligen „Marktplatz der Möglichkeiten“ umgestaltet: Alle zwei Dutzend Initiativen aus der Pfarrei stellen ihre Angebote vor, laden an Stehtischen zum Gespräch ein, geben auf selbst gestalteten Schautafeln einen Einblick ins bunte Gemeindeleben.

Sogar Kaffee gibt es, dafür hat Dorothea Aulbach von der Kirchenverwaltung eigens ihre professionelle „Kaffeeschachtel“-Kleintransporter ins Kircheninnere gefahren. Ausgeschenkt wird gegen Spende, das Trio „Klezmix“ steuert entspannte Musik bei. Im Pfarrsaal nebenan wird Mittagessen gereicht.

Keine Mottensäcke

„Ich erwarte eine offene Kirche, die nicht in alten Mottensäcken steckenbleibt, mit neuen Ideen“, bringt es ein paar Meter weiter Jutta Hillenbrand (55) auf den Punkt. Die Mutter dreier erwachsener Kinder ist seit bald drei Jahrzehnten im Märkte-Team der Gemeinde aktiv, hat etliche Basare mitorganisiert. Gerade hat wieder ein Besucher einen der bewusst hinderlich in den Gängen aufgestellten „Stolpersteine“ umgeworfen, bückt sich – und liest einen Teil des Leitbilds, das sich St. Gertrud gegeben hat.

Dass die Pfarrei seit ihrer Gründung „Teil der Identität vieler Menschen“ im Wohngebiet ist, steht da beispielsweise. Umnebelt von Weihrauch hat sich eine Gruppe Besucher zu den Ministranten und dem Jugendteam gesellt. Neben ihren Mini-Roben haben die Jugendlichen Bilder vom Zeltlager, von gemeinsamen Unternehmungen, Gruppenabenden mitgebracht. Klar wäre ein Pfarrer als Bindeglied gerade für Ministranten wünschenswert. „Aber wir können uns als Jugend auch selbst organisieren“, meint Ann-Katrin Baumann (21) selbstbewusst.

„Wir müssen mehr Transparenz schaffen, zeigen, was hinter unserer Arbeit steckt, welche Menschen wir sind. Und wir wollen neue Gesichter willkommen heißen“, pflichten ihr Lea Keller (20) und Kilian Fischer (17) bei.

Nur Eucharistie ...?

Julia Erber und ihr Team sorgen seit 25 Jahren für lebendige Kinderkirche und Familiengottesdienste. „Wir schaffen es, diese Gemeinde am Laufen zu lassen“, ist sie sich sicher. Rentnerin Lydia Hock und ihre Bekannte Anneliese Leeb (beide 78) sind treue Besucherinnen bei allen Seniorenangeboten. Sie sei „sprachlos, wie viele andere Gruppen es in St. Gertrud noch gibt“, ist Lydia Hock überrascht.

Beide hoffen, dass es auch ohne Pfarrer weitergeht, denn „hier geben sich alle so viel Mühe!“ „Je mehr wir zusammenhalten, desto mehr können wir erreichen“, ist Inge Tübel (78) aus dem Seniorenteam überzeugt. In Gesprächsrunden werden heiße Eisen angesprochen:

Kann nur Eucharistie ein „richtiger“ Gottesdienst sein? Was brodelt bei uns? Wo ist hier der Chef? Wo sind die Ränder in St. Gertrud? Wo das „C“ für Christlich? Wer ist drinnen, wer draußen? In der Abschlussrunde, fast fünf Stunden nach der Eröffnung am Vormittag, kommen diese Themen allen, die noch da sind, zu Ohren.

Und gut dreiviertel der Besucher sind tatsächlich über den gesamten Zeitraum geblieben. Ein Erfolg, wie das WEG-Team meint. Und es bedankt sich fürs Vertrauen, zudem für das große Engagement der beiden Profi-Begleiter Bergmann und Krapf, die ebenfalls den Sonntag über dabei sind und mitmoderieren.

Auch Pfarrer Krauth hat sich zu diesem Zeitpunkt unter die Besucher gemischt: Er sagt, es gebe „viel Verantwortungsbewusstsein hier, mein Kompliment!“ Wie geht es nun weiter in St. Gertrud? „Vor allem gemeinsam, mit Transparenz und Offenheit“, meint Christoph Hartmann. Fragebögen, Gespräche, Notizen müssen ausgewertet werden. Regelmäßige Gesprächsabende in der Gemeinde mindestens alle drei Monate sollen folgen. Ein Anfang ist gemacht.  

 Cornelia Müller

Weitere Infos unter: www.st-gertrud-aschaffenburg.de.

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