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Schulungen im Bistum Würzburg zur Prävention sexualisierter Gewalt – mehr als eine Pflichtveranstaltung (Teil1)

Ein Gewinn für alle Lebensbereiche

Als „annus horribilis“ (schreckliches Jahr) ist das Jahr 2010 in die Geschichte der Kirche in Deutschland eingegangen. Nachdem die ersten Fälle sexuellen Missbrauchs am Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden waren, folgten unzählige weitere. Doch mit der Aufdeckung von Leid und Schmerz begann auch ein heilsames Hinsehen, so dass die Prävention in der katholischen Kirche heute eine Vorbildfunktion hat.

Bereits im August 2010 gaben die deutschen Bischöfe „Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker, Ordensangehörige und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ sowie die „Rahmenordnung Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und erwachsenen Schutzbefohlenen“ heraus, die in den letzten Jahren immer wieder überarbeitet wurden.

In allen Bereichen

Ab sofort hatte der Opferschutz Vorrang vor dem Täterschutz, die Meldepflicht an externe Ansprechpartner wurde eingeführt und die einzelnen Bistümer zur Präventionsarbeit verpflichtet. Unter dem Motto  „Augen auf – hinsehen und schützen“ sollten nicht nur geschehene Taten aufgearbeitet, sondern neues Leid verhindert werden. Erklärtes Ziel wurde eine „Kultur der Achtsamkeit und des Vertrauens“, damit „Kinder, Jugendliche und erwachsene Schutzbefohlene sich in allen Bereichen und Einrichtungen unse­rer Kirche sicher fühlen können“.

Im Bistum Würzburg wurde die „Fach- und Koordinierungsstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt“ im Jahr 2012 eingerichtet. Aufgaben sind im Wesentlichen die Informations- und Schulungsarbeit sowie die Entwicklung und Umsetzung institutioneller Präven­tions­konzep­- te in allen kirchlichen Bereichen – vom Ordinariat über die Verbände und Bildungshäuser bis hin zu Pfarreien und Ehrenamtlichen.

Seit 2017 koordiniert Martin Pfriem als Präventionsbeauftragter des Bistums die vielfältigen Maßnahmen und vertritt das Bistum deutschlandweit in Sachen Prävention. Die konkrete Schulungsarbeit leisten Sozialpädagogin Ingrid Schreiner, die zugleich an der Ausbildung der Gemeindereferenten beteiligt ist, Theologin Susanne Kellerhaus sowie seit 1. Februar Sozialpädagogin Daniela Englert im Bereich der kirchlichen Jugendarbeit. Unterstützt werden sie von über 30 qualifizierten Schulungskräften, die die Prävention sexualisierter Gewalt in ihren Tätigkeitsfeldern verankern.

Über 6000 Mitarbeiter geschult

558 Grundschulungen für 6068 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden von 2012 bis 2018 im Bistum Würzburg durchgeführt. „Damit sind wir mit einem großen Teil des bestehenden Personals durch“, sagt Martin Pfriem. Dennoch bleibt weiterhin viel zu tun: „Wir schulen alle, die beim Bistum eine Ausbildung durchlaufen oder neu angestellt werden“, so Pfriem. Das gilt für pastorale Mitarbeiter ebenso wie für Angestellte in Verwaltung und Service. Durch formale Hürden wie das erweiterte Führungszeugnis und eine Selbstverpflichtungserklärung versuche man zudem potenzielle Täter von vornherein abzuschrecken. Auch für die zahlreichen Ehrenamtlichen, die als LeiterInnen von Kommunion- oder Firmgruppen, Jugendleiter oder Gottesdienstbeauftragte tätig sind, besteht laut Präventionsordnung des Bistums eine Schulungsverpflichtung. Allerdings werde das von den Pfarreien noch sehr heterogen gehandhabt, da viele Pfarrer vor Ort befürchten, durch eine Verpflichtung Ehrenamtliche abzuschrecken.

Nichts anderes als gelebte Katechese

Von diesem abschreckenden „Muss“ will man jedoch wegkommen „Es geht hier nicht um einen Generalverdacht, den es auszuräumen gilt“, betont Pfriem: „Prävention hat unheimlich viel mit mir selbst und dem täglichen Umgang mit meinen Mitmenschen zu tun. Hier bekomme ich Antworten auf wichtige Fragen, werde sensibler für zwischenmenschliche Signale und habe einen echten Gewinn für alle Lebensbereiche.“ Für ihn ist Prävention nichts anderes als gelebte Katechese, denn: „Die Frohe Botschaft und die Achtung vor dem Menschen gehören untrennbar zusammen. Als Kirche haben wir da einen sehr hohen Anspruch, alles andere würde die Botschaft absurd machen.“

In der Grundschulung, die für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter identisch ist, gibt es zunächst Informationen zu Zahlen, Fakten und Formen sexualisierter Gewalt, dann analysieren die Teilnehmer Täter-Strategien, reflektieren die Folgen für die Betroffenen und erleben anhand von konkreten Beispielen, wie wichtig (und manchmal schwierig) das richtige Nähe-Distanz-Verhältnis ist. Am Ende bekommen die Teilnehmer Handlungsleitlinien für den Verdachtsfall, Adresslisten sowie einen Verhaltenskodex und unterzeichnen eine Selbstverpflichtungserklärung.

Kultur der Achtsamkeit

„Die Fakten wirken zunächst ungeheuer erschreckend“, sagt Ingrid Schreiner, die bereits über hundert Schulungen geleitet hat. Das führe aber dazu, dass die Teilnehmer sich der Wichtigkeit des Themas bewusst werden: „Unser Ziel ist es, die innere Haltung der Menschen zu stärken, sie zu einem wertschätzenden und respektvollen Umgang zu befähigen und so eine Kultur der Achtsamkeit zu schaffen.“ Dazu gehört nach ihrer Erfahrung auch, „gemeinsam eine Sprachfähigkeit zu entwickeln – denn Schweigen ist das Schlimmste, was man tun kann“.

Die Reaktionen sind durchwegs positiv: Zwar gebe es hin und wieder Angst oder Unsicherheit, doch der Großteil äußere sich bereichert und „überrascht, dass Kirche so ein tolles Angebot hat“. Viele empfänden es als gut, vorbehaltlos über das Thema sprechen und nachfragen zu können. Dass auch die Ermutigung, sich an entsprechende Stellen zu wenden, ankommt, erkennen Ingrid Schreiner und Susanne Kellerhaus daran, dass sie während der Schulungen immer wieder angesprochen werden. „Manchmal bricht in fünf Minuten eine ganze Lebensgeschichte aus einem Menschen heraus“, so Schreiner.

Knochenjob, aber ungeheuer wichtig

Für die Kursleiter ist das ein wahrer „Knochenjob“: „Ich lebe mit dem Risiko, alte Wunden aufzureißen oder Menschen zu retraumatisieren“, sagt Ingrid Schreiner. Hinzu komme die enorme Spannung, dezidiert auf der Seite der Opfer zu stehen, aber zugleich Vertreter einer Täterorganisation zu sein. „In manchen Momenten schäme ich mich zutiefst für diese Kirche.“ An diesem Punkt fühle sie sich zuweilen als Einzelkämpferin – gepaart mit dem leisen Zweifel, ob ihre Arbeit entsprechend wahrgenommen wird. Dennoch machen Schreiner und Kellerhaus unermüdlich weiter – „weil es ungeheuer wichtig ist“.

Die Frage, ob sich durch die Veröffentlichung der MHG-Studie Veränderungen für die konkrete Präventionsarbeit ergeben hätten, beantwortet Pfriem mit einem klaren Nein. „Die Diözese Würzburg ist im Vergleich zu anderen Bistümern sehr weit. Ich bin froh, dass ich so versierte Kolleginnen habe, die den 7-Punkte-Plan der Deutschen Bischöfe bereits so kompetent umsetzen“, lobt er. Dass in der Erklärung formale Kriterien wie die Standardisierung der Personalakten von Klerikern recht weit vorne stehen, bedauert Pfriem. „Das sollte nicht unser primärer Ansatzpunkt sein.“ Zugleich registriert er aber bei vielen Bischöfen einen neuen Blick auf die eigene Institution, verbunden mit der Bereitschaft, möglicherweise begünstigende Faktoren wie Zölibat und Sexualmoral genauer zu durchleuchten. „Wenn wir diesen Weg weitergehen, wird es Veränderung geben“, so Pfriem.     

Anja Legge

Im Teil 2 in der nächsten Ausgabe lesen Sie einen ­detaillierten Bericht über den Besuch einer Grundschulung.

Fach- und Koordinierungsstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt, Generalvikariat, Domerschulstraße 2, 97070 Würzburg, Telefon 0931/386-10160, E-Mail „praevention@bistum-wuerzburg.de“, Internet „www.praevention.bistum-wuerzburg.de“. Auf Wunsch können Pfar­reien oder Pfarreiengemeinschaften individuelle Wochenend-Termine für ihre Ehrenamtlichen vereinbaren. 

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