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Am 8. April vor 40 Jahren starb Bischof Josef Stangl (1907–1979)

Ein Bischof in bewegten Zeiten

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, sagt die jüdische Tradition. Dies gilt auch für die letzten Jahre Josef Stangls, des vor 40 Jahren verstorbenen 86. Bischofs von Würzburg. Als der Geistliche am 8. April 1979, drei Monate nach der Annahme seiner Resignation durch Papst Johannes Paul II., in Schweinfurt im Alter von 71 Jahren starb, hatte er etwas mehr als 21 Jahre an der Spitze seines Bistums gestanden. In dieser Zeit hatte er mit einem „Konzept des Vertrauens und der rückhaltlosen Übertragung von Verantwortlichkeiten“, wie der Historiker Prof. Dr. Johannes Merz, von 2016 bis 2019 Kanzler der Diözese, in einem 2007 veröffentlichten Aufsatz schreibt, sein Bistum größtenteils erfolgreich durch das unruhige Fahrwasser der 1960er und 1970er Jahre gesteuert: den kirchlichen Umbruch im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils, des Essener Katholikentags von 1968 und der Würzburger Synode von 1971 bis 1975.

Als Josef Stangl  am 12. August 1907 im zum Erzbistum Bamberg gehörenden Kronach als Sohn des Juristen Kosmas Stangl und dessen Ehefrau Margarete geboren wurde, war nicht abzusehen, dass der begeisterte Sportler einmal die Geschicke des Bistums Würzburg lenken würde. Fünf Jahre seiner Gymnasialzeit verbrachte Stangl im Bamberg, von 1921 bis 1925 besuchte er das „Neue Gymnasium“ in Würzburg. Anders als etwa der spätere Kardinal Julius Döpfner, mit dem Stangl bis zu Döpfners Tod 1976 eng verbunden bleiben sollte, war Stangl eher ein mittelmäßiger Schüler mit einer Schulkrise in der Pubertät. Maßgeblichen Einfluss auf die geistliche Entwicklung des Schülers übten neben der Familie zwei katholisch geprägte Internate aus: das Bamberger „Aufseesianum“ und das Würzburger „Ferdinandeum“. Nach zwei Semestern in München und Würzburg, in denen Stangl auf Wunsch seines Vaters seine Berufung kritisch prüfte, trat Stangl 1926 in das Würzburger Priesterseminar ein. Im 2007 erschienenen Ausstellungskatalog „Josef Stangl 1907–1979“ betont Merz die von Zeitzeugen schon zu dieser Zeit übereinstimmend bezeugte „tiefe Frömmigkeit, positive Ausstrahlung und große Selbstdisziplin“ Stangls.

Zugewandt und leutselig

Bereits in den 1920er Jahren zeigten sich laut Merz die Eigenschaften, die Stangl bis in die Spätzeit seines Episkopats prägen sollten: Identifikation mit der jeweiligen Aufgabe, Einsatzbereitschaft und persönliche Zuwendung zum Gegenüber. Wenn man will, könnte man von einer „situativ“, von einer situationsabhängig strukturierten Persönlichkeit sprechen. „Die praktische Anwendung eines breiten Wissens sowie die bisweilen geradezu übersteigerte Lebendigkeit seines Auftretens werden ebenso durchweg als Kennzeichen seiner Persönlichkeit genannt wie sein Verständnis für individuelle Sorgen und Nöte, das ihn auch zu einem gesuchten Beichtvater werden ließ“, schreibt Merz.

Als Stangl am 16. März 1930 in der Würzburger Seminarkirche St. Michael als jüngster Weihekandidat seines Jahrgangs von Bischof Matthias Ehrenfried zum Priester geweiht wurde, war er noch keine 24 Jahre alt. In seiner am 7. März 1930 verfassten „Charakteristik der Neopresbyter“ hatte der von Stangl verehrte Regens Vitus Brander über den Weihekandidaten geschrieben: „Ideal gerichtetes, freundliches Wesen. Ausgezeichnete Führung. Gesund und gut brauchbar. Jugendbewegt.“

Ein guter Jugendseelsorger

Die von Brander hervorgehobene „Jugendbewegtheit“ qualifzierte Stangl besonders für die Jugendarbeit: Nach seiner vierjährigen Kaplanszeit in der Aschaffenburger Pfarrei Herz Jesu, wo er 1934 mit der Hitlerjugend in Konflikt geriet, ernannte General Dr. Franz Miltenberger den erfolgreichen Pfarrjugendseelsorger 1934 zum Religionslehrer am „Institut der Englischen Fräulein“ in Würzburg. Ein wohl 1938 aufgenommenes Foto, das Stangl mit seinen Schülerinnen bei einem Ausflug in den Guttenberger Wald zeigt, interpretiert Christina Körbel im Ausstellungskatalog so: „Die Aufnahme Stangls zeigt ihn dort, wo er sich wohl fühlte: Inmitten seiner Schützlinge, die teils belustigt auf ihn herab, teils bewundernd zu ihm emporblicken. (…) eine Momentaufnahme, die das gesellige Wesen Stangls und seinen lockeren, unverkrampften Umgang mit Jugendlichen unterstreicht.“

Als das „Institut der Englischen Fräulein“ 1938 auf Druck des NS-Staates geschlossen wurde, berief Bischof Matthias Ehrenfried Stangl zum Jugendseelsorger der Diözese. Gelegentlich zeigte der Geistliche den Jugendlichen deutlich die aus seiner Sicht einzuhaltenden Grenzen auf. 1984 berichtete der bekannte Würzburger Jugendführer Oskar Neisinger über einen Zwischenfall bei einer Fronleichnamsprozession: „Wir sind damals noch, 1941, mit ungefähr 2000 Jugendlichen bei der Prozession mitgegangen und haben unsere Lieder gesungen, also nicht die sogenannten Fronleichnamslieder. Daraufhin bekamen wir Krach mit Herrn Stangl (…) der wollte, dass wir „Jauchzet, Tochter Zion“ singen und wir wollten natürlich singen „Die Lüge ist gar frech und schreit und hat ein Maul so höllenweit die Wahrheit zu verschlingen.“ (…) Stangl war dagegen, wir haben natürlich trotzdem gesungen, was wir gewollt haben.“

Retter von Karlstadt

1943 veränderte sich Stangls Wirkungskreis, als er zum Stadtpfarrer von Karlstadt ernannt wurde. Bleibende Verdienste um das Wohl der Stadt am Main erwarb er sich, als er Anfang April 1945 maßgeblich an der kampflosen Übergabe Karlstadts an die vorrückenden Amerikaner beteiligt war – die Stadt verlieh Stangl hierfür 1947 die Ehrenbürgerwürde. Im selben Jahr kehrte der Theologe nach Würzburg zurück und wechselte als katholischer Religionslehrer an die Lehrerbildungsanstalt im Frauenland. Dort organisierte er unter anderem religionspädagogische Tagungen.

Wie Matthias Ehrenfried schätzte auch dessen 1948 geweihter Nachfolger Julius Döpfner den vielseitigen Geistlichen, mit dem er über die gemeinsame Mitgliedschaft in der Priestergemeinschaft „Unio Apostolica“ verbunden war: 1953 ernannte Döpfner Stangl zum für den Aufbau des Seelsorgereferats verantwortlichen Ordinariatsrat. Drei Jahre später, 1956, übernahm Stangl als Regens die Leitung des mit rund 100 Alumnen gut gefüllten Priesterseminars. Auch dort war Stangl darauf bedacht, dass die Hausordnung eingehalten wurde, denn regelmäßig umrundete Stangl mit seinem Fahrrad das Seminar, um die Einhaltung der Nachtruhe zu kontrollieren. Teilnehmer des Konzils Als am 1. Juli 1957 bekannt wurde, dass Papst Pius XII. den Regens zum Nachfolger des nach Berlin transferierten Julius Döpfner ernannt hatte, wurde dies im Bistum positiv aufgenommen: „Der Umstand, dass Stangl aus der Seelsorge kam, auf dem Feld der Jugendarbeit und Schule umfangreiche Erfahrung besaß (…) führte besonders unter den Laien zu einer positiven Grundstimmung “, berichtet Christoph Weißmann im Ausstellungskatalog.

Für Johannes Merz war der Schwerpunkt von Stangls Episkopat klar: „In der Rückschau lag der Schwerpunkt freilich in der Teilnahme am Zweiten Vatikanischen Konzil und der Umsetzung seiner Beschlüsse. Dazu gehörten die Überführung der Laiengremien in neue Strukturen und erweiterte Verantwortungsbereiche (Pfarrgemeinderat, Dekanatsausschuss, Diözesanrat), die Integration der Laien in die pastoralen Dienste, vor allem durch die Neu- und Weiterentwicklung pastoraler Berufe (Gemeindereferentin, Pastoral- referent)“, schreibt der Historiker Merz im 2007 publizierten Aufsatz.

Wie groß die Erwartungen nach dem Ende des Konzils und wie begrenzt Stangls Spielräume waren, zeigte sich am 26. Februar 1966 bei der Würzburger Podiumsdiskussion „Würzburg fragt seinen Bischof“. Einige Fragen sind noch heute akuell: „Der Zölibat  (...) wird beibehalten. (...) Der Einsatz von Frauen als Priester ist in nächster Zeit nicht zu erwarten“, bilanzierte Walter Ebel die Ausführungen des Bischofs am 28. Februar 1966 im „Fränkischen Volksblatt“.  

Ein weiterer Schwerpunkt in Stangls Episkopat war der hauptsächlich von Diözesanbaumeister Hans Schädel und Bau- und Kunstreferent Richard Schömig verantwortete Kirchenbau: Von 1957 bis 1979 entstanden im Bistum Würzburg über 150 Kirchen. 1967 wurde der Würzburger Dom in einer „gemischten“, halb romanischen, halb barocken Fassung wieder eröffnet – eine Kompromisslösung.

„Mann des Vertrauens”

Auf Bundesebene nahm Stangl von 1961 bis 1970 als Jugendreferent der Deutschen Bischofskonferenz die Funktion eines Brückenbauers zwischen den Bischöfen und insbesondere dem BDKJ wahr. Anlässlich von Stangls Verabschiedung würdigte die Bundesführung des BDKJ  1970 den „Mann des Vertrauens“: „Wir haben viele und lange Gespräche mit Bischof Stangl führen dürfen. (...) In diesen Gesprächen hat der Bischof deutlich seine Meinung gesagt, aber er ließ auch die Meinung seiner Gesprächspartner gelten. So war es nie schwierig, eine gemeinsame Linie zu finden.“ Zwei Jahre zuvor, 1968, war Stangl allerdings beim 82. Deutschen Katholikentag in Essen, den scharfe innerkirchliche Kritik an der kurz zuvor veröffentlichten „Pillen-Enzyklika“ Papst Pauls VI. und der  Autorität der „Amtskirche“  prägte,  durch rhythmisches Klatschen zum Schweigen gebracht worden.  

Stangl wiederum verteidigte die Jugendlichen: „Der heutige junge Mensch ist redlich und offen, zum Gespräch bereit, er möchte verstanden sein. Voraussetzung ist allerdings das Vertrauen, das Für-Vollnehmen, das Bewusstsein, verstanden zu werden. (...)“. Kritisch fragte er: „Haben nicht wenige die Meinung, dass Jugend der Kirche grundsätzlich harmlos, lenksam, unkritisch sein muss? Haben vitale, kaum zu bändigende Typen, die immer sagen, was sie denken (...) bei uns eine Chance?“

In den 1970er Jahren sah sich Stangl selbst mit Kritik konfrontiert: Trotz seiner ökumenischen Offenheit reagierten protestantische Theologen distanziert, als Papst Paul VI. am 24. März 1974 den 1631 tagelang gefolterten und bei Schonungen von lutherischen Soldaten ermordeten Pfarrers Liborius Wagner, einen Konvertiten, in Rom seligsprach.

„Fall Klingenberg“

1975/1976 versagte Stangls „Vertrauens-Konzept“ im „Fall Klingenberg“. Dort hatte ein monatelanger, von ihm genehmigter und zu wenig kontrollierter – Exorzismus“ mit insgesamt 67 Sitzungen eine fatale, tödliche Eigendynamik entwickelt. Am 1. Juli 1976 starb in Klingen- berg die völlig entkräftete Lehramtsstudentin Anneliese Michel an den Folgen einer Lungenentzündung. Da Michels Eltern, der Ettlebener Pfarrer und Vertrauter Anneliese Michels Ernst Alt und der von Stangl mit dem Exorzismus beauftragte Salvatorianer-Pater Arnold Renz während des Exorzismus keinen Arzt hinzugezogen hatten, wurden sie am 21. April 1978 wegen fahrlässiger Tötung zu Freiheitsstrafen von je sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

In ihrer 2014 publizierten Dissertation schreibt Petra Ney-Hellmuth: „Für Bischof Stangl stand fest, dass Anneliese Michel seelsorgerischer Betreuung bedurfte und dass das Beten des Exorzismus ein adäquates Mittel zur Unterstützung des Heilungs- und Gesundungsprozesses darstellte. Eine ernsthafte Befürchtung hinsichtlich einer massiven Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes der jungen Frau war für den Bischof nicht erkennbar (…).“

Allerdings war laut Ney-Hellmuth „der Bischof durchaus über den Verlauf der Exorzismen wie Inhalte der „Botschaften“ und den sich verschlechternden Gesundheitszustand Annelieses informiert gewesen (...), auch wenn ein erneuter Antrag auf Vorladung Stangls mit dem Verweis auf die Tatsache, dass diesen der letzte Brief Ernst Alts erst mehrere Tage nach dem Tod Anneliese Michels erreicht hatte, abgelehnt wurde.“ Das öffentliche, weltweite Echo auf den „Fall Klingenberg“ war verheerend und trug sicher auch mit zu Stangls frühem Tod wesentlich bei.

Weit über die Diözese Würzburg hinaus positiv wahrgenommen wurde sein Engagement für die Versöhnung zwischen Christen und Juden: Als im Frühjahr 1965 während des II. Vatikanischen Konzils die Verabschiedung des Dekrets „Nostra Aetate“ über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religion fraglich war, griff Stangl entschieden ein. Seiner Intervention ist es mit zu verdanken, dass die Verurteilung des Antisemitismus und die Anerkennung der jüdischen Wurzeln des Christentums verabschiedet wurde: „Die Frage der Annahme oder Ablehnung unseres Dekrets ist eine Entscheidungsstunde des Konzils. Geht die Kirche den Weg unbestechlicher Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit oder den Weg der Taktik, der Diplomatie, des geringeren Widerstandes? (…) Es geht um die ,Glaubwürdigkeit der Kirche´”, brachte Stangl sein Anliegen auf den Punkt.

Stangls Bemühen um den christlich-jüdischen Dialog trug auch in Würzburg Früchte: Mit dem Gemeindevorsitzenden David Schuster pflegte er gute Beziehungen, und bei der Einweihung der Würzburger Synagoge am 24. März 1970 überreichte der Bischof eine aus der Oberlauringer Synagoge gerettete Thorarolle. Ein in die Zukunft weisendes Symbol der christlich-jüdischen Verständigung.

Stefan W. Römmelt

Literaturtipps: Wolfgang Altgeld, Johannes Merz, Wolfgang Weiß (Hg.), Josef Stangl 1907-1979. Bischof von Würzburg. Echter Verlag Würzburg. 2007. ISBN 978-3-429-02905-0.

Eric Hilgendorf, Teufelsglaube und freie Beweiswürdigung. Zur Verarbeitung des „Übernatürlichen“ im Strafrecht am Beispiel des Exorzismus, in: Klaus Laubenthal (Hg.), Würzburger Rechtswissenschaftliche Studien Band 80). Ergon Verlag 2009, S. 87 bis 101. ISBN 978-3-89913-672-2.

Johannes Merz, Josef Stangl als Bischof von Würzburg 1957–1979, in: Klaus Hillenbrand (Hg.), Hirtenamt und Gesellschaft. Echter Verlag 2007, S. 57-70. ISBN 978-3-429-029990-6.

Petra Ney-Hellmuth, Der Fall Anneliese Michel. Kirche, Justiz, Presse. Verlag Königshausen & Neumann Würzburg 2014. ISBN 978-3-8260-5230-9.

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