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Buchautorin Michelle Brey über Mobbing unter Kindern und Jugendlichen

Das Wegschauen sollte aufhören

Verspottet und gegängelt werden bis hin zu körperlichen Angriffen und Bloßstellungen im Internet. Für viele Kinder und Jugendliche ist das Teil ihres Alltags. Mobbing unter Heranwachsenden ist verbreitet. Trotzdem wissen sich viele Betroffene nicht zu helfen. Die Journalistin Michelle Brey (21) hat ihre eigenen Mobbingerlebnisse an einer Münchner Schule aufgeschrieben und veröffentlicht – und um Tipps für betroffene Familien ergänzt.

Frau Brey, welche Mobbingerfahrungen haben Sie machen müssen?

Ich war ziemlich jung, in der 5./6. Klasse, als in der Klasse begonnen wurde, über mich zu lästern. Erst habe ich das nicht richtig ernst genommen, weil ich dachte, das hört schon wieder auf. Tatsächlich hat es sich weiter hochgeschaukelt, bis die Attacken nicht mehr verbal waren, sondern physisch. „Michelle ist lesbisch und dumm“, stand zum Beispiel einmal auf einem Zettel, der in der Klasse herumgereicht wurde. Ein anderes Mal kam im Gang ein Mädchen auf mich zu und hat mich gegen eine Säule geschubst, wobei sie zischte: „Ich hasse dich!“ Meine Freunde haben danebengestanden und so getan, als sei nichts. Spätestens da habe ich mir gedacht, dass etwas im Gang ist, was ich nicht mehr stoppen kann.

Sie schreiben, die Anfeindungen kamen für Sie völlig überraschend. Welche Folgen hatte die Gewalt­eskalation für Sie?

Man stellt sich die Frage: Warum passiert das alles? Und man glaubt, dass man selbst daran schuld ist. Weil man dazugehören möchte, sucht man nach Fehlern bei sich selbst. Eigentlich war die Schule immer ein Ort gewesen, an dem ich gerne war. Während dieser zwei Mobbingjahre gab es jedoch auch Tage, die ich verfluchte und an denen ich auch gelegentlich nicht in die Schule ging. Waren die Mobbingtäter einmal nicht in der Klasse, war das wie eine andere Welt – fast wie Erholung. Sie haben die Klasse stark beeinflusst.

Wie haben Ihre Eltern und Freunde reagiert?

Meine Freunde haben das Mobbing ignoriert und weggeredet. Ich fand bei ihnen keine Unterstützung. Sie waren Außenstehende, die das Mobbing so begünstigt haben. Im Rückblick nehme ich es ihnen nicht mehr übel, weil es eine Situation war, die schon viel Courage erforderte. Aber damals war ich enttäuscht, dass von ihnen gar nichts kam. Meine Eltern standen in jeder Sekunde hinter mir. Natürlich hat es auch ein bisschen Überwindung gekostet, bis ich zu Hause alles erzählt habe. Meine Eltern sind in die Schule gegangen und haben jeden möglichen Hebel betätigt, um das Mobbing zu beenden. Diese Versuche führten aber lange Zeit zu nichts. Von den Lehrkräften gab es kei- ne Unterstützung. Es wurde zwar ernst genommen, dass etwas passiert, aber es wurde nicht als Mobbing wahrgenommen. Als ich auf dem Heimweg von der Schule eines Tages von Mitschülern verfolgt wurde und es dadurch beinahe zu einem Zusammenprall mit einem Auto gekommen wäre, ich überfallen und beleidigt wurde, hieß es von einer Lehrkraft schlicht: „Wenn du gemobbt wirst, dann ignorier‘ es doch einfach.“

Was unterscheidet eine Mobbing-Situation von „gewöhnlichen“ Schulkonflikten?

Diese Frage habe ich mir beim Schreiben des Buchs auch gestellt. In der Zeitung habe ich einmal eine sehr passende Aussage des Boxers Axel Schulz gelesen. Er sagte, um Mobbing handle es sich, wenn Attacken systematisch werden und immer dieselbe Person treffen, nie eine andere. Wenn also ein Opfer systematisch fertiggemacht wird. Der Mobbingprozess ist eine langlebige Angelegenheit, er entwickelt sich schleichend und steigert sich im Härtegrad. Mobbing zielt darauf ab, eine willkürlich ausgewählte Person systematisch fertigzumachen.

Wie kann man sich gegen Mobbing wirksam zur Wehr setzen?

Für ein Mobbingopfer ist es unglaublich schwer, sich zu wehren, weil sich der Prozess schleichend entwickelt und untergründig verläuft. Man sieht die Eskalation nicht kommen. Wichtig ist, dass man seine Meinung sagt und auf Vorfälle sofort reagiert. Wichtig ist es, sich Hilfe zu suchen, die Hilfe anzunehmen und sich vor allem nicht die Schuld an den Vorfällen zu geben. Für jede Schule ist es von Bedeutung, Mobbing vorzubeugen. Experten sollten ins Boot geholt werden, damit Mobbing als solches erkannt werden kann. Das kann durch Projekttage geschehen und indem Lehrkräfte das Thema in den Klassen ansprechen. Mobbingprävention sollte Bestandteil des Unterrichts sein.

Was sollte eine von Mobbing betroffene Person – oder ihre Eltern – auf keinen Fall tun?

Auf gar keinen Fall sollten Eltern Kontakt mit den Eltern einer Täterin oder eines Täters aufnehmen. Alle Eltern schützen ihre Kinder und stellen sich vor sie. Es bringt auch nichts, Täter direkt zu kontaktieren. Man sollte den Weg über die Schule gehen, weil das der Ort ist, an dem das Mobbing passiert und an dem die Lehrer den größten Einfluss darauf nehmen können. Als Mobbingopfer sollte man sich nicht auf die gleiche Stufe herabbegeben und selbst zum Täter werden, sondern versuchen, die Situation mit Unterstützung von außen zu überstehen.

Wer sind letztlich die Schlüsselfiguren beim Kampf gegen Mobbing in der Schule?

Eltern oder Lehrkräfte? Eine schwierige Frage. Beide Seiten haben meines Erachtens den gleichen Anteil. Die Lehrer müssen das Mobbing ansprechen und beenden, die Eltern müssen das Kind ermutigen. Das heißt: ihr Kind ernst nehmen, ein offenes Ohr haben, wenn es sich öffnet, Selbstvertrauen vermitteln. Die Eltern sind es, die die Schule auffordern müssen, aktiv zu werden, und sie sollten sich dabei auf keinen Fall abwimmeln lassen.

Wie kommt es, dass Sie seitens der Schule so lange keine Hilfe bekamen?

Ich glaube, Mobbing ist nach wie vor ein Tabuthema. Das ist es, was ich mit meinem Buch ändern will. Ich will damit nicht nachträglich jemandem an den Karren fahren. Das Buch soll dazu beitragen, dass Mobbing nicht weiter kleingeredet wird. Schulen ziehen sich gerne auf die Behauptung zurück: Mobbing gibt es hier nicht. Dieses Wegschauen sollte ein Ende haben.   

Interview: Ulrich Bausewein

Das Buch: Michelle Brey, How To Survive Mobbing; Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2019, 232 Seiten, 12,99 Euro; ISBN 978-3-86265-784-1. Mit Ratschlägen für Lehrer und Eltern sowie Internetadressen.

Hilfe und Vorbeugung

Mobbing oder das Gefühl, nicht wichtig zu sein, sind Hauptgründe für Suizid­gedanken bei Jugendlichen. Darauf weist Andrea Bartsch hin, Leiterin der Online-Beratung beim Deutschen Caritasverband. Die Beratungsangebote der Caritas richten sich auch an Mobbingbetroffene beziehungsweise ihre Familien („www.caritas.de/onlineberatung“).

Die Hamburger Schulbehörde und die Techniker Krankenkasse (TK) haben das Online-Programm „Gemeinsam Klasse sein“ gestartet. Es bietet Schulen kostenfreies Material für bis zu fünf Projekttage an, um Schüler, Eltern und Lehrer für das Problem Mobbing zu sensibilisieren. Die Aktion richtet sich an die Jahrgangsstufen fünf bis sieben („www.gemeinsam-klasse-sein.de“).

Hilfe bieten außerdem Portale im Internet, etwa „www.km.bayern.de/mobbing“ oder „zeichen-gegen-mobbing.de“.

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