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Ein Gespräch zum neuerlichen Konflikt in Nahost und seinen Auswirkungen hierzulande

Das Leiden der anderen mitfühlen

Klaus von Stosch ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Paderborn, ein Katholik. Mit dem Zentrum für komparative Theologie und Kulturwissenschaften, kurz ZeKK, hat er an der Uni einen Ort geschaffen, an dem möglich ist, was anderswo unmöglich erscheint: ein respektvolles Miteinander von Juden, Christen und Muslimen. Die neue Gewalt im Nahen Osten und die antisemitischen Vorfälle in Deutschland machen seine Arbeit nicht leichter.

Herr Prof. von Stosch, erleben Sie Konflikte zwischen Juden und Muslimen bei Ihnen im ZeKK?

Nein, der fachliche Austausch ist ungebrochen konstruktiv und anregend. Und auch die freundschaftlichen Beziehungen sind stabil.

Wie gelingt Ihnen ein friedliches Miteinander?

Wir teilen die gemeinsame Vision der theologischen Arbeit und Problemlösung über Religionsgrenzen hinweg. Und wir haben im Laufe der Zeit Vertrauen zueinander aufgebaut. Zur gegenwärtigen politischen Situation gibt es natürlich unterschiedliche Wahrnehmungen. Aber ein wesentliches Moment Komparativer Theologie besteht ja im Einüben der empathischen Perspektivenübernahme. Dazu gehört es auch, die Leidensgeschichte der anderen mitzufühlen. Wir haben so gelernt, nicht nur das Unrecht zu sehen, das uns selbst angetan wird. Schon der große katholische politische Theologe Johann Baptist Metz sah hier den Schlüssel für ein friedliches Miteinander im Nah-Ost-Konflikt: Der Blick auf die Leidensgeschichte der anderen. Wenn das wechselseitig gelingt, haben wir eine ganz neue Situation.

Warum eskaliert die Situation in Deutschland?

Beide Seiten haben das Gefühl, dass die eigene Leidensgeschichte nicht genügend angeschaut wird. Und tatsächlich tun wir auch in Deutschland zu wenig, um die Dramatik der Lage an uns heranzulassen. Wir müssten viel mehr aktive Integrationsarbeit leisten, die Geflüchteten hilft, sich mit unserem Land zu identifizieren und auch die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel verständlich zu machen. Diese besondere Verantwortung impliziert aber nicht nur den Kampf gegen jede Form des Antisemitismus und den Einsatz für das Existenzrecht Israels, sondern auch die Wahrnehmung der ausweglosen Situation der palästinensischen Bevölkerung. Wenn es uns nicht einmal gelingt, unter den hier lebenden Menschen Sensibilität für beide Seiten zu kultivieren, dürfen wir uns nicht wundern, dass wir als Vermittlungsinstanz ohne Erfolg bleiben.

Ist die Religion das Problem oder könnte sie zur Lösung beitragen?

Religionen können definitiv zur Lösung beitragen. Dem Christentum ist es in unserem Land weithin gelungen, die antijudaistischen Tendenzen in seinen normativen Texten wahrzunehmen, und neue Wege des Umgangs und der Deutung zu finden. Es hat sich eine sehr einflussreiche christliche Israeltheologie gebildet, die die bleibende Erwählung Israels und seine besondere Rolle als Gottes Volk bestätigt. Auch die katholische Kirche hat sich von dieser Theologie prägen lassen und ihr Verhältnis zum Judentum völlig neu definiert. Eine Judenmission mit dem Ziel der Bekehrung des jüdischen Volkes zu Christus soll es in ihr nicht mehr geben und der bleibende Wert Israels wird anerkannt. In Paderborn entwickeln nun einige der bei uns forschenden Muslime eine islamische Israeltheologie. Sie zeigen, dass der Koran die bleibende Erwählung Israels und seine besondere Rolle als Gottes Volk bestätigt. Sie leisten wertvolle historische Arbeit, um erst einmal judenfeindlich klingende Koranverse angemessen zu kontextualisieren und auf dieser Basis neu zu deuten. Auch im Blick auf das Christentum ergeben sich hier ganz neue Verständigungsmöglichkeiten, weil der Koran ganz offenkundig den Islam nicht gegen die beiden älteren Schwesterreligionen begründen will, sondern in positiver Anknüpfung an beide und bleibender Wertschätzung für sie. Das gilt es erst einmal historisch zu erarbeiten, systematisch zu begründen und dann in pädagogischen Konzepten in die Gesellschaft hinein zu vermitteln.

Was können wir vor Ort tun?

Wir können durch Bildung dazu beitragen, dass religiöse Menschen ihre Religionen besser kennenlernen und die in ihnen steckenden Friedenspotenziale erkennen. Und wir können versuchen, Menschen anderer Religionen besser kennenzulernen, um sie in unsere Wertegemeinschaft zu integrieren. Wenn es uns gelingt, Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg zu kultivieren, werden wir auch mäßigend auf unsere Freunde einwirken können. Wenn wir unsere eigenen religiösen Wurzeln kultivieren, werden wir auch Menschen mit einem weniger hilfreichen Verhältnis zu ihrer eigenen Religion erreichen können.

Interview: Claudia Auffenberg, Paderborn

Das Zentrum für komparative Theologie und Kulturwissenschaften wurde 2009 an der Uni Paderborn gegründet. Die Idee: Im Betrachten und Kennenlernen der anderen Religion und ihrer Theologie lernt man die eigene Religion besser kennen. Deswegen geht es nicht nur um wissenschaftlichen Disput, sondern auch um die wirkliche Begegnung gläubiger Menschen, die einander erzählen und zuhören.

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