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    Ein Gespräch mit Professor Jörg Vogel vom HIRI über Ethik in der medizinischen Forschung

    Darf man das, oder nicht?

    Jörg Vogel ist einer der prominentesten Wissenschaftler der Universität Würzburg. Der Biochemiker ist Direktor des international besetzten „Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung“ (HIRI), das kürzlich sein fünfjähriges Bestehen gefeiert hat. Es ist das weltweit erste Institut, das Forschung zu Ribonukleinsäuren (RNA) – organische Säuren, die bei der Eiweißbildung in Zellen eine Rolle spielen – und Infektionsforschung kombiniert. Das Sonntagsblatt hat mit dem Forscher, der 2017 den Leibniz-Preis erhielt und Präsident der Europäischen Akademie für Mikrobiologie ist, über die Rolle der Ethik in der medizinischen Forschung gesprochen.

    Professor Vogel, welche Rolle spielt die Ethik bei Ihren Forschungsprojekten?

    Ethik ist überall eingebaut. Es gibt einen ethischen Rahmen, insbesondere in der medizinischen Forschung. Da geht es beispielsweise darum, wie mit Patientenmaterial und klinischen Proben an den Universitäten und Forschungsinstituten umzugehen ist. Wir nehmen das Thema auch mit in die Ausbildung von Doktoranden in unserem Graduiertenprogramm RNAmed (...).

    Ethik ist ja erst einmal schwer zu fassen. Im klassischen Sinn fragt Ethik: Darf man das, oder darf man das nicht? Das definiert sich darüber, was die Gesellschaft zum jetzigen Zeitpunkt denkt. Aus medizinischer Sicht ergibt es Sinn, Patientendaten umfangreich zu erfassen. Gleichzeitig kann diese Information missbraucht werden, also muss die Ethik immer wieder neu bewerten, was die Gesellschaft gewinnt und wo der Einzelne verlieren könnte.

    Welche Kriterien legen Sie bei der Bewertung an?

    An unserem Würzburger Helmholtz-Institut sind wir momentan in der Situation, dass wir kaum mit personalisierten Daten arbeiten. Aber es gibt Bereiche, wo die Daten von Patienten wichtig sind, und dort muss erst einmal die Zustimmung der Patienten eingeholt werden, dass mit ihren Proben gearbeitet werden kann.

    Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Wenn wir eine unserer Lieblingstechniken, die sogenannte Einzelzellsequenzierung, anwenden, um damit herauszubekommen, wie sich Gewebe bei einem Krankheitsverlauf verändert, dann müssen wir uns natürlich das Gewebe von Patienten holen, die diese Krankheit haben. Das muss dann von der Ethik her so abgesichert sein, dass die Patienten das wissen, dass sie aktiv zugestimmt haben, dass sie auch wissen, welche Experimente damit gemacht werden und welche Zweitverwendung stattfindet, also wie diese Daten noch genutzt werden könnten.

    Da gehen wir in den Datenschutz über: Wo werden die Daten abgelegt? Sind sie anonymisiert? So kommen wir in Bereiche hinein, wo es gar nicht mehr um echte Ethik geht, sondern darum, welchen Missbrauch ich treiben kann. Ethik orientiert sich erst einmal daran, was man darf. Der Datenschutz orientiert sich vor allem daran, was man nicht darf oder was tatsächlich Missbrauch ist.

    Ein ethisches Problem: Tierversuche bei der Medikamentenentwicklung ...

    Alle wollen neue und bessere Medikamente haben und keine Tierversuche. Wenn wir aber keine Tierexperimente hätten, dann hätten wir bis heute keine Vakzine (Impfstoffe, Anm. d. Red.). Am HIRI machen wir zwar bisher keine Tierversuche, aber natürlich sollen unsere Ergebnisse der Grundlagenforschung irgendwann auch einmal in Medikamente umgesetzt werden. Wir alle werden versuchen, die Zahl der Tierexperimente auf das Nötigste zu reduzieren, ohnehin sind die dazu notwendigen Anträge immer komplexer geworden. Nur ist generell die Zahl der Tierexperimente recht konstant, somit bleiben Tierversuche eine der großen ethischen Fragestellungen in der Biomedizin.

    Ethisch umstritten ist etwa die pränatale Implantationsdiagnostik, also die genetische Untersuchung eines nach künstlicher Befruchtung gezeugten Embryos vor der Einpflanzung.

    Pränatale Implantationsdiagnostik ist inzwischen ziemlich normal. Man redet nicht darüber, aber es wird überall gemacht. Eine Veränderung der Keimbahn beim Menschen ist jedoch für mich nach wie vor die Grenze. Das heißt aber nicht, dass es immer so bleiben muss. Kritisch wird es beim „Enhancement“ (Verbesserung menschlicher Fähigkeiten durch technische Eingriffe, Anm. d. Red.). Die Gentechnik sollte nicht dazu eingesetzt werden, ein gesellschaftliches Problem wie beispielsweise den Wunsch der Eltern nach erhöhter Muskelkraft des Kindes zu lösen. Das hat man beispielsweise bei Nutztieren gemacht, sodass etwa gentechnisch veränderte Rinder fast nur noch aus Fleisch bestehen. Es sollte nicht ein gesellschaftliches, sondern ein medizinisches Problem sein, das die Gentechnik löst.

    Wobei das auch wieder eine ethische Frage ist: Wo hört die medizinische Behandlung auf, und wo beginnt das Enhancement? Wenn ich aus einer Familie von Kurzsichtigen komme, die immer gegen Wände rennen, wie kann man das dieser Familie verübeln, wenn sie die Sehkraft verbessern will? Den Handlungsrahmen muss die Ethik immer wieder neu definieren. Aber für den Moment sind das aus meiner Sicht die beiden Grenzen: kein Enhancement und keine Eingriffe in die Keimbahn.

    Interview: Stefan W. Römmelt

    Zur Ethik in der ärztlichen Praxis finden Sie ein Interview mit dem Würzburger Medizinethiker Professor Michael Schmidt auf Seite 5 der aktuellen Ausgabe.