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Betrachtung zum Sonntagsevangelium – Dreifaltigkeitssonntag

Alltägliche Wahrheitsfragen

Die ganze Wahrheit – irgendwie erschrecke ich bei diesem Begriff. Immer wenn Menschen und Institutionen in der Geschichte versucht haben, die ganze Wahrheit für sich zu beanspruchen, ist schnell Totalitarismus und Unmenschlichkeit herausgekommen.

Evangelium

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.     

Johannes 16,12–15

Heute neigen wir – vielleicht in einer Gegenbewegung – eher dazu, zu sagen: Wahrheit ist subjektiv. Jeder muss seine Wahrheit finden.

Auch wenn uns das verunsichert: Ich sehe dazu keine Alternative. Und gerade wir Christen, die wir grundsätzlich vom Menschen gut denken, da er Ebenbild Gottes ist und damit das Heilige und Unzerstörbare in sich trägt, können gar nicht anders.

Gleichzeitig habe ich Fragen. Kann sich da nicht jeder seine Wahrheit zurechtbasteln? Es ist für mich auch eine gesicherte Erkenntnis, dass sich niemand so gut etwas vormacht, wie man selber. Wie sonst wäre neben viel gelungener Menschlichkeit auch das genaue Gegenteil alltäglich erfahrbar. Irgendwie ist unser Menschsein immer von dieser Spannung umfangen: einerseits groß vom Menschen zu denken (Ebenbild Gottes) und andererseits zu wissen, wie beschränkt, ängstlich und auch egozentrisch Menschen sein können (Sünder). Ich glaube: Menschsein gelingt nur, wenn wir diese Spannung annehmen und aushalten. Was wäre nun die Frohe Botschaft, die mir hilft, mit dieser Spannung klarzukommen?

Johannes beschreibt im Evangelium einen fürsorglichen Jesus. Die Jünger sind verunsichert, und er verspricht einen Beistand: den Geist der Wahrheit, der auf Jesus verweist, der seinen Ursprung in Gott hat. „Er (der Geist) nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.“

Das heißt für mich: In dieser Spannung bin ich nicht alleingelassen. Als Christen glauben wir, dass sich Gott uns zuwendet. Aber, und das ist entscheidend – auch für die alltäglichen Wahrheitsfragen meines Lebens: Gott ist nicht einfach fassbar. Geschweige denn für uns Menschen verfügbar. In Gott selbst ist eine Spannung. Gott ist und bleibt Geheimnis. Karl Rahner hat das so ausgedrückt: Glauben heißt ein Leben lang die Unbegreiflichkeit Gottes auszuhalten.

Als Christen können wir sie aushalten, weil Gott sich entschieden hat, sich uns zuzuwenden. Wir Menschen können das Geheimnis Gottes nicht erfassen. Aber dieses Geheimnis kann sich uns mitteilen, zumindest so weit, wie es unserem Menschsein entspricht.

Sein Wort heißt Menschwerdung. Darin unterscheidet sich das Christentum von allen anderen Religionen. Gott teilt sich uns im menschlichen Wort mit. Er hat kein Wort für uns, er ist das Wort. Das meinen wir, wenn wir vom Sohn sprechen. Gott wird Mensch, damit wir durch Jesus wissen, wo und wie Gott schon immer in dieser Welt war und sein wird. Das Wort, in dem sich Gott uns mitteilt, ist die Botschaft der grenzenlosen Liebe, die Gott selbst ist. Und: Diese bedingungs­lose – alle Zeiten überdauernde – Zuwendung nennen wir den Heiligen Geist.

Wer sich dieser Zuwendung öffnet, macht die subjektive Erfahrung des Getragenseins trotz aller Spannungen und Unzulänglichkeiten. Der spürt: Ich brauche nicht perfekt zu sein, und andere müssen das auch nicht. Der erfährt eine Dynamik, die ihm hilft, seine Wahrheit anderen nicht überstülpen zu wollen. Und gleichzeitig nicht beliebig zu sein. Der wird auch einen Widerwillen entwickeln gegen die unmenschliche Hartherzigkeit und Ausschau halten, wo diese göttliche Unterstützung sich in und außerhalb der Kirche auswirkt.

Dr. Peter Müller („faks@faks-ab.de“) ist Theologe und Sozialpädagoge. Er leitet die Fachakademie für Sozialpädagogik Aschaffenburg.

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