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Würzburger katholisches Sonntagsblatt  > Nachrichten
Kommentar von Ulrich Bausewein
Geschichte ohne Augenzeugen
Wie intensiv werden sich junge Leute in ein paar Jahrzehnten noch mit der NS-Zeit auseinandersetzen? Der kürzliche Tod der NS-Gegnerinnen Freya von Moltke und Miep Gies hat wieder ins Bewusstsein gerufen: Die Erinnerungsträger verschwinden.
Ulrich Bausewein
In den sechziger Jahren ging ein Riss durch manche Familie. Die Kinder des Wirtschaftswunders haben damals mit ihren Eltern gerungen. Gerungen wurde um vieles, nicht zuletzt auch um die Frage: „Wie standet ihr zu Krieg und Diktatur?“ Die braune Vergangenheit Deutschlands forderte von denen, die dabei gewesen waren, Rechtfertigung. So bitter dieses Ringen manchmal war, es trug zu einer ehrlichen Erinnerungskultur bei.
 
Heute sind Menschen, die die Zeit vor 1945 als Erwachsene erlebt haben, gefragte Informanten. Kamerateams, Wissenschaftler und Buchautoren nehmen sich ihrer an. Die Gesellschaft reagiert darauf, dass der Kreis der Augenzeugen immer kleiner wird. Der kürzliche Tod der NS-Gegnerinnen Freya von Moltke und Miep Gies hat wieder ins Bewusstsein gerufen: Die Erinnerungsträger verschwinden.
 
Sicher sind die Auskünfte von Zeitzeugen nicht automatisch zutreffend oder vollständig. Auch hinterfragt nicht jeder Zeitzeuge seine eigene Rolle im historischen Geschehen. Das ändert aber nichts daran, dass die Erlebnisgeneration eine wichtige Funktion erfüllt. Sie stellt den hautnahen Bezug zur Geschichte her. Das vermag kein Sachbuch und kein Doku-Drama im Fernsehen. Zeitzeugen beantworten Jüngeren die Frage: „Was verbindet mich mit der Vergangenheit?“
 
Dieser hautnahe Bezug zur Geschichte wird in absehbarer Zeit fehlen. Es werden die Familienangehörigen fehlen, die eigene Erfahrungen beisteuern können zu dem, was Jugendliche in den Schulen lernen. Und es fehlen die Teilnehmer an Zeitzeugen-Projekten, die vom alltäglichen Leben in einer Welt berichten, die den Nachgeborenen völlig fremd geworden ist.
 
Wie intensiv werden sich junge Leute in ein paar Jahrzehnten also noch mit der NS-Zeit auseinandersetzen? Das hängt auch vom Verhalten derjenigen ab, die dann Eltern und Großeltern sein werden. Es hängt davon ab, ob sie bereit sind, in der Familie über die Vergangenheit zu reden und die quälenden Aspekte dabei nicht auszublenden. Es gibt Zeitzeugen, die vorgemacht haben, wie das geht.
Veröffentlicht: 02.02.2010 Ulrich Bausewein