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Würzburger katholisches Sonntagsblatt  > Nachrichten
Kommentar von Wolfgang Bullin
Fingerspitzengefühl ist gefragt
Der teilweise hysterische Umgang mit dem Thema sexueller Missbrauch in Medien und Öffentlichkeit scheint weit überzogen, insbesondere weil heute bei vielen Menschen nicht nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit, sondern auch deren Einordnung und Bewertung maßgeblich medial geprägt ist.
Wolfgang Bullin
Es gibt Situationen, in denen verhält man sich falsch, egal, wie man sich verhält. Zumindest in der Einschätzung anderer tut man das. In diesem Dilemma befinden sich derzeit viele Repräsentanten der katholischen Kirche in Deutschland angesichts der jetzt ans Tageslicht gebrachten Fälle beziehungsweise Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs in katholischen Einrichtungen. 
 
Jeder solche Missbrauchsfall, das soll von vorneherein klargestellt sein, ist einer zuviel. Deshalb ist eine konsequente und sofortige Reaktion auf Verdachtsäußerungen, wie sie die bischöflichen Leitlinien von 2002 vorsehen, unabdingbar; ebenso die unverzügliche Einschaltung der Behörden, wenn sich der Verdacht erhärtet. Harte Konsequenzen bei Nichteinhaltung dieser Leitlinien, wie sie jetzt im Kloster Ettal gezogen wurden, sind deshalb angemessen. Nicht zuletzt um deutlich zu machen, dass man spätestens mit diesen Leitlinien mit der leider allzulange gepflegten Praxis des Vertuschens endgültig gebrochen hat. Vorrang für den Schutz der Opfer, konsequente Aufklärung und Offenheit müssen das Vorgehen bestimmen.
 
Dennoch braucht es dafür auch Fingerspitzengefühl und ein sensibles Vorgehen. Und das hat nichts mit Vertuschung zu tun, sondern mit dem Schutz der Privatsphäre – auch der Opfer – gegen eine sensationslüsterne Öffentlichkeit und deren Handlanger; mit dem Prinzip der Unschuldsvermutung gegen mediale Vorverurteilung; mit der fairen Prüfung jedes einzelnen Falls gegen pauschale Diskriminierung; mit sachlicher Auseinandersetzung gegen das Nachbeten von Vorurteilen; mit sorgfältigem Abwägen von Konsequenzen gegen fahrlässiges Gefährden von Existenzen ... 
 
Der teilweise hysterische Umgang mit dem Thema in Medien und Öffentlichkeit scheint weit überzogen, insbesondere weil heute bei vielen Menschen nicht nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit, sondern auch deren Einordnung und Bewertung maßgeblich medial geprägt ist: Was die Medien als schlimm darstellen, ist schlimm; was nicht in den Medien ist, hat keine Relevanz. Man denke nur an die Schweinegrippe. 
Veröffentlicht: 02.03.2010 Wolfgang Bullin