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Sonntagsblatt Jerzy Staus |
| Auf Einladung des Würzburger Pastoraltheologen Professor Dr. Erich Garhammer (rechts) referierte Professor Dr. Wolfgang Frühwald (links) aus Augsburg vor zahlreichen Zuhörern über die Rolle der Theologie in der Gesellschaft. |
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Wolfgang Frühwald, renommierter Germanist und ehemaliger Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sieht die theologischen Fakultäten heute erstmals in ihrer Geschichte substanziell bedroht: „Fremdheit, Skepsis und schließlich Gleichgültigkeit gegenüber der Theologie wachsen.“ Universitäre Kollegen wie Menschen außerhalb der Universität würden das Fach mit zunehmendem Argwohn betrachten. Frühwald selbst versteht Theologie als „rationale Bindung und Durchdringung der religiösen Kräfte und Energien des Menschen“. Als solche werde sie von zwei Seiten bedroht: einerseits von der sich aufstauenden Woge der Irrationalität, andererseits von gefühlloser Rationalität. Universität im KleinenInnerhalb der Universität stehe die Theologie im Fokus gewaltiger Interessen- und Fächerverschiebungen. Selbst ihre Zugehörigkeit zur modernen staatlichen Universität sei gefährdet, denn das öffentliche Interesse an ihren Forschungsergebnissen und Lehrmeinungen sei ebenso erlahmt wie der Austausch mit anderen Fakultäten. In Bamberg und Passau seien bereits theologische Fakultäten aufgelöst worden. Das Verhältnis von kirchlichem Lehramt und theologischen Lehrmeinungen werde zudem zunehmend von einer verhärteten Gehorsamsdiskussion belastet. Doch die Forschungsaufgabe der Theologie umfasse den gesamten Gegenstands- und Methodenbereich der Geisteswissenschaften. Sie stelle praktisch eine Universität im Kleinen dar. Eine Begründung für die Notwendigkeit der Theologie sieht Frühwald gesellschaftlich nicht nur durch die „Notwendigkeit von Religionsvergleichung“ im kulturellen und gesellschaftlichen Kontext. Sie sei auch unverzichtbar als rationaler Gegenpol gegenüber Fundamentalismen christlicher, atheistischer und rein wissenschaftsgläubiger Natur. Diese seien Ausdruck einer Krise der Gesellschaft. Islam an deutschen Unis?Hinsichtlich nicht-christlicher Theologien halte der Wissenschaftsrat die Etablierung einer islamischen Theologie in Deutschland für eine vordringliche Aufgabe – letztlich um islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen einzuführen. „Mir scheint dies höchst bemerkenswert deshalb, weil im islamischen Bereich gerade das angestrebt wird, was im christlichen Bereich bedenkenlos rückgängig gemacht werden soll: die Einbindung von Theologie und Religionsunterricht in die Gesellschaft“, kritisierte Frühwald. Dennoch plädierte er für die Etablierung einer islamischen Universitätstheologie samt staatlich geförderter Ausbildung von Imamen, da nur dadurch die bestehenden Probleme sichtbar gemacht werden könnten. Würde jedoch die christliche Theologie gleichzeitig von den Universitäten verschwinden, entstehe eine Leerstelle, die augenblicklich von Fundamentalisten, Esoterikern und Spiritisten besetzt würde. Kulturelles GedächtnisEine wesentliche gesellschaftliche Aufgabe erfülle die Theologie durch das sogenannte „Gedächtnisparadigma“, das „Erinnerung an die Stelle von nackter und damit nur scheinbarer Tatsächlichkeit setzt“. Denn Geschichte sei nicht in dem lebendig, wie sie sich ereignet habe, sondern nur in dem wie sie erinnert werde. Die universitären Fächer sollten ihre unterschiedlichen Erkenntnisinteressen achten und gemeinsam nach Berührungsflächen suchen. „Nur ein solcher Strukturdialog ist in der Lage, der geschichts- und gedächtnislosen Moderne ihr scheinbar an Maschinen delegiertes kulturelles Gedächtnis zurückzugeben,“ stellte Frühwald fest. Die vollständige Erklärbarkeit der Welt sei ein Mythos, der gedächtnislose Fortschritt täusche sich selbst über seine Haltbarkeit. Gegen derartige Entwicklungen stelle die Theologie ein unverzichtbares Bollwerk dar. „Die theologische Fakultät ist kein Steinbruch, um finanzielle Löcher zu stopfen, ihr Untergang würde die gewachsene Kontinuität der Universität zerstören“, schloss Wolfgang Frühwald. Bei der Auftaktveranstaltung hatte der Rechtswissenschaftler Professor Dr. Dietmar Willoweit, Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gesprochen. Sein Thema: „Religion und Wissenschaft“. Verdienst der Religion sei es, jenseits aller geschichtlichen Veränderungen ein generationenübergreifendes Lebensmodell etabliert zu haben. Dieses gebe der Gesellschaft verlässliche Verhaltensregeln. Die Essenz dieses Models laute: „Wie kann und soll der Mensch leben, ohne mit sich selbst oder Seinesgleichen in Konflikt zu geraten?“ Menschenrechte schützenIn der Gegenwart habe eine Zivilreligion diese gesellschaftliche Aufgabe übernommen. In ihrem Zentrum stünden die Menschenrechte. Ihr Schutz besitze einen „quasireligiösen Charakter“, sie selbst stünden aber nur für ein Nahziel, nicht aber für eine endzeitliche Utopie. Die Frage nach den Menschenpflichten ließen die Menschenrechte unbeantwortet. Hier erfülle die Religion eine zentrale Funktion, denn sie appelliere an das Verantwortungsbewusstsein des Menschen und besitze dadurch eine gesellschaftstabilisierende Funktion. Im Sommersemester wird die Reihe mit Vorträgen von Würzburger Professoren fortgesetzt. Termine: 12. Mai, 19. Mai, 9. Juni und 16. Juni , jeweils 19.15 Uhr.
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