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Würzburger katholisches Sonntagsblatt  > Nachrichten
Seit über 20 Jahren unterrichtet „Herr Lui“ am Volkersberg Kinder in Zirkuslektionen
Die Philosophie, Spaß zu vermitteln
Er steht mit den Fünftklässlern auf Augenhöhe. Obwohl er sie um eine halbe Körperlänge überragt. Und er zeigt ihnen, wie man mimisch seinen Ekel zeigt – so übertrieben, dass sich alle vor Lachen auf die Schenkel klopfen. Das müssen sie in wenigen Tagen auch können.
Bereit für den Auftritt: So empfängt Herr Lui sein Publikum.
Denn die Klassen 5a und 5b der Hauptschule Höchberg sind für einige Tage an den Volkersberg gekommen, um gemeinsam mit Herrn Lui ein Zirkusprogramm für Eltern und Lehrer auf die Beine zu stellen. André Böhler, der von allen nur Herr Lui genannt werden möchte, ist voll in seinem Element. Er streckt den Bauch vor, kneift die Augen zusammen und zieht eine Schnute. „So etwa sollte es aussehen, wenn du dich vor etwas ekelst“, erklärt Lui den vor ihm staunend stehenden vier Jungen. Dann probieren sie es selbst. Als Clown und Feuerfakir ist Herr Lui überwiegend am Untermain unterwegs und betreut als künstlerischer Leiter diverse Projekte. In den vergangenen 20 Jahren hat der Familienvater mit rund 30000 Kindern Zirkus gemacht. „Das ist eine Philosophie, den Menschen Spaß zu vermitteln“, erklärt der 39-Jährige. Als Jugendlicher nahm der gelernte Handwerker an einer Zirkusfreizeit der Katholischen Jungen Gemeinde teil – und war infiziert. Seine ersten Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern machte André Böhler in der katholischen Jugendverbandsarbeit der KJG. 1989 hob er den Kinder- und Jugendzirkus „Blamage“ mit aus der Taufe, der noch heute im Landkreis Miltenberg aktiv ist. Doch ein Zirkus war noch lange nicht genug: 1998 gründete er den Kindercircus „Mumm“, seit vielen Jahren betreut er den Kindercircus „Wirbelwind“ des Landkreises Würzburg. 2006 führte André Böhler die zirkuspädagogische Arbeit schließlich an den Volkersberg. Zuschüsse bekommt das Haus Volkersberg von der Diözese und dem bayerischen Jugendring, um dieses Projekt zu realisieren. Seitdem steigt dort die Zahl der gebuchten Zirkuswochen stetig an, bereits für dieses Jahr hat Herr Lui 16 Projekte auf dem Programm. Er ruft, die Kinder kommen – das bestätigen die vielen Anmeldungen. Das nötige Feingefühl für Kinder und Jugendliche bescheinigen ihm alle, die seine Arbeit kennen. Rike Langolf begleitet als Lehrerin die fünften Klassen aus Höchberg; sie kennt Herrn Lui schon viele Jahre und ist von seinem Händchen für Kinder begeistert. „Er kann sich sehr gut auf Kinder einlassen, mit großem Geschick auch mal Konflikte lösen und bei allem was er tut, vermittelt er ihnen ein positives Gefühl.“ 
Böhler ist kein Pädagoge – was er künstlerisch unter Beweis stellt, hat er sich selbst beigebracht und das Händchen, Kindern Selbstvertrauen spielerisch zu vermitteln, ist wohl seine Gabe. Zirkus-Pädagogik sei momentan „in“ und schieße wie Unkraut aus dem Boden,erklärt der Künstler. Oft fehle aber das Wesentliche: „Kinder sind das ehrlichste Publikum und die ehrlichsten Beobachter überhaupt. Die merken sofort, wenn etwas aufgesetzt ist oder nur aus der Theorie stammt.“ Andere Projekte möchte Böhler nicht herabsetzen – er gibt aber wenig auf theoretisches Wissen aus der Theaterpädagogik. Er verlässt sich lieber auf seine langjährige Erfahrung und sein Bauchgefühl. Improvisationstalent und Spontanität sind sein Werkzeug. 
Schon äußerlich verkörpert er den Clown mit dem typischen August-Charakter. Die blonden Locken bahnen sich eigensinnig ihren Weg unter der rotkarierten Schirmmütze hindurch. Ein breites Lächeln liegt auf dem runden Gesicht. „In der Manege ist Herr Lui zu dumm, um geradeaus zu laufen, er kriegt es nicht richtig hin“, skizziert Böhler seinen Clown. Bei der Arbeit mit Kindern sei ihm eines enorm wichtig – nämlich selbst ein Stück Kind geblieben zu sein. „Wo hatte ich als Kind Ängste? In der Arbeit muss ich mich in mein eigenes Kindsein zurückversetzen, um authentisch rüberzukommen.“ Unterstützung erhält er  von seiner Frau und seinem 13-jährigen Sohn. „Sie stärken mir den Rücken und machen das Ganze erst möglich. Meine Frau näht – wenn es sein muss – in der Woche bis zu 40 Kostüme.“
Die Proben für den großen Auftritt im rot-weißen Zirkuszelt sind in vollem Gang, in der Manege wird fleißig geübt: Das Laufen auf dem Ball, das Jonglieren mehrerer Bälle oder das Springen durch ein großes Seil. Julian hockt auf dem Endpfosten des Drahtseiles und wartet auf seinen Einsatz, während Niko mit nacktem Oberkörper den Feuerfakir-Auftritt probt. Ihm steht Herr Lui persönlich zur Seite. Feuerspucken erfordert Mut und Konzentration. „Die Kinder haben sich in den Jahren verändert“, schildert er seine Eindrücke. „Seilspringen haben sie mal am Computer gesehen, auf einen Baum klettern können sie fast alle nicht mehr.“ Bei Trapez- oder Seiltanz-Übungen können sie oft erste Selbsterfahrungen machen. „Wir brauchen wieder mehr Zeit für Kinder. Sie müssen Grenzen austesten dürfen. Im Rahmen klarer Regeln brauchen sie einen geschützten Freiraum, in dem sie mitbestimmen dürfen. Darum geht’s mir.“ Von 40 Kindern wollen 18 das Trapez besteigen. Dafür muss eine Stunde vormittags und eine Stunde nachmittags geübt werden „Da blieben für jedes Kind nur wenige Minuten übrig. Das geht nicht“, erklärt Böhler. Also wird gelost. „Es sind nur sechs Plätze. Und egal, ob ein Kind dick oder dünn, behindert oder nicht behindert ist – alle bekommen die gleiche Chance.“ Das soziale Miteinander liege ihm am Herzen – mehr als das pädagogische. 
Das Zirkuszelt steht ganzjährig auf dem Volkersberg, denn das Projekt war von Beginn an ein Senkrecht-Starter: 2008 gegründet, wurden noch im gleichen Jahr Trainer ausgebildet. Außerdem unterstützen Studenten Böhler ehrenamtlich, jeweils vier pro Woche bei maximal 40 Kindern. Seit einigen Jahren gehört Erlebnispädagogik zum Konzept der Arbeit am Volkersberg;  Ralf Sauer, Referatsleiter Kinder- und Jugendbildung, würde sich aber wünschen, dass dieser Bereich noch weiter ausgebaut würde. „Es ist toll zu sehen, was die Kinder in wenigen Tagen alleine auf die Beine stellen, wie kreativ sie sind – wenn man sie lässt.“ Er schätzt die Arbeit von Herrn Lui sehr: „Ohne seine Unterstützung gäbe es das Projekt nicht.“
Rike Langolf war schon häufiger mit Klassen für ein Zirkusprojekt auf dem Volkersberg. Die Pädagogin weiß ihre Schüler dort gut aufgehoben. „Herr Lui hat ein großes Talent, ein Kind wieder in die Spur zu holen – ohne dass es sein Gesicht verliert. Da lerne auch ich noch dazu. Außerdem schweißt die Dynamik der Tage die Kinder sehr zusammen.“ Langolf war an ihrer Schule um Nachhaltigkeit bemüht und hat erreicht, dass jede Fünfte Klasse der Höchberger Hauptschule ein fünftägiges Zirkusprojekt am Volkersberg mitmachen kann. Für sie ist das ein Beitrag zur Werte-Erziehung, für die Kinder ein großer Spaß. Und für Herrn Lui eine Herzensangelegenheit. 
Veröffentlicht: 02.02.2010 Judith Bornemann
Weiterführende Links:
Informationen über die Erlebnispädagogik auf dem Volkersberg gibt es hier,