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Wenn heute noch ein Ideal Völker verbindet, dann das Fasten. Zumindest auf der Nordhalbkugel unseres Planeten; im Süden haben die Menschen mangels entsprechender Ressourcen andere Sorgen. Bei uns hingegen drehen Pharmakonzerne zur Unterstützung des Fastens Millionen von Pillen. Und keine Publikumszeitschrift kann es sich leisten, ohne Fastentipps zu erscheinen. Fasten blieb als letzte Tugend einer postreligiösen Moderne übrig. Es sprengte die Fastenzeiten der Religionen und deckt nun statt der zeitlich begrenzten Perioden alle zwölf Monate ab. Nachfolge und Ersatz des Kirchenjahrs als durchgehende Fastenzeit. Die Sorge um den Speck blieb übrig vom Glauben. „Ihr Gott ist der Bauch“ pointierte der Apostel Paulus schon vor 2000 Jahren dieses Weltbild. Religiöse Wurzeln Was natürlich dazu verleitet, die religiösen Wurzeln des Fastens anzugraben. Warum eigentlich soll es Gott wohlgefallen, wenn sich die Menschen ein Fasten antun? Freut er, der doch den Wein erschaffen hat, sich erst so richtig, wenn die Menschen keinen mehr trinken? Vermehrt es sein Wohlbefinden, wenn jemand als Säulenheiliger in der Wüste lebt, hoch erhaben über die Versuchungen, besonders der Sexualität? Schenkte er nicht einst seinem Ebenbild auf Erden die Liebe, damit die Menschheit überlebe? Missgönnt er den Menschen das Lachen und labt sich an ihrer Trauer? Wie ist das mit Gott und dem Fasten? Was hat er davon, und was die Menschen? Kein finsteres Gesicht „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten“, kommentierte Jesus dessen äußeres Erscheinungsbild und stellte weiter klar: „Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht …“ (Matthäusevangelium 6,16–18). Zumindest dem Fasten als äußerer Imagepflege ist damit der Boden entzogen. Dessen Dauer begrenzte Jesus bei folgender Begebenheit: „Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sagten: Warum fasten deine Jünger nicht, während wir und die Pharisäer fasten? Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; dann werden sie fasten“ (Matthäusevangelium 9,14–15). Dann wäre das Fasten also ein Zeichen der Trauer. Was aber, wenn es nichts zu bejubeln noch zu betrauern gibt, wenn mein Leben einfach seinen normalen Gang geht? Wozu soll ich dann fasten, was gewinne ich dabei? Der ziemlich nüchterne, lebenskluge und manchmal sehr direkte Apostel Paulus – siehe oben: „Ihr Gott ist der Bauch“ – riet den Mitgliedern seiner Gemeinden, sich eine gewisse innere Distanz zu ihrem Alltag zu bewahren. Die Zeit ist kurz Im Ersten Korintherbrief (7,29–31) schrieb er: „Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ Er verdammt damit aber keineswegs die Schätze unseres Lebens, denn kurz zuvor schrieb er: „Entzieht euch einander nicht“ (7,5a). Ich darf die Liebe meines Lebens durchkosten, darf trauern, wenn mir danach ist und stolz sein auf mein Eigentum. Aber es sollte mir immer bewusster werden, dass diese Güter nicht die letzte Bestimmung meines Lebens sind. Chance der Zeit vor Ostern Gott hat nichts von unserem Fasten. Das ist kein Eintrittsgeld in den Himmel, die unter Murren und Entsagung zu zahlende Münze unserer ewigen Seligkeit. Wenn, dann haben wir etwas davon: die innere Freiheit gegenüber Macht, Trauer, Freude, Sexualität, Besitz. Wenn wir uns in diesen Dingen ab und zu zurücknehmen, gläubige oder auch professionelle Distanz einüben, bewahren wir uns die innere Freiheit, sie zu genießen, ohne uns von ihnen beherrschen, vereinnahmen zu lassen. Innerlich frei werden durch Fasten, das ist die Chance der Wochen vor Ostern.
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