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Würzburger katholisches Sonntagsblatt  > Nachrichten
Abriss von Betonkirchen im Bistum Würzburg
Immer eine Einzelfallentscheidung
Ein Interview mit dem Kunst- und Baureferent Dr. Jürgen Lenssen und Generalvikar Dr. Karl Hillenbrand.
Kunst- und Baureferent Dr. Jürgen Lenssen (links) und Generalvikar Dr. Karl Hillenbrand (rechts) im Gespräch mit Sonntagsblatt-Redakteur Jerzy Staus.
? Gibt es einen Kriterienkatalog, wonach man eine Betonkirche als nicht mehr überlebensfähig einstuft?
Lenssen: Es gibt keinen Kriterienkatalog, mit dem man gleichsam wie mit einem Rasenmäher durch die Diözese fahren kann. Auf gar keinen Fall kommen Kirchen für einen Abriss in Betracht, die von hoher architektonischer Qualität sind, denn sie gelten als Gesamtkunstwerk. Auch sind diese in den letzten Jahren auf Antrag der Diözese unter Denkmalschutz gestellt worden, um sie vor Eingriffen zu schützen. Diese Kirchen werden auf keinen Fall irgendeinen Abriss erleben. Hier stehen wir aufgrund unserer Verantwortung der Kultur gegenüber in der Pflicht, diese Bauwerke zu erhalten. 
 
Wenn es bei anderen Kirchen aber der Fall sein sollte, dass die architektonischen Mängel so gravierend sind, dass ihre Behebung den finanziellen Rahmen sprengen würde, ein Neubau letztlich billiger käme als eine Bauerhaltung, dann muss erwogen werden, ob ein Abriss anstehen soll oder nicht. Das ist immer eine Einzelfallentscheidung.
 
? Wie bereitet man eine Gemeinde auf einen möglichen Abriss ihrer Kirche vor? 
Hillenbrand: Man muss zwei Ebenen sehen: die sachliche Informationsebene und jene, wie man mit den Gefühlen umgeht. Wichtig ist es, die Gremien vor Ort, vor allem die Kirchenverwaltung und den Pfarrgemeinderat, frühzeitig in die Planungen miteinzubinden. Es ist ja auch emotional schwierig, wenn eine Kirche, die abgerissen werden soll, erst 40 oder 50 Jahre alt ist, weil Menschen, die sich für diesen Kirchenbau, ob finanziell oder mit ihrer Hände Arbeit, engagiert haben, noch leben. 
 
Wichtig ist, dass man geduldig argumentiert. Das braucht Zeit. Man kann das auch nicht nach einem einheitlichen Plan machen, weil die Voraussetzungen in jeder Gemeinde, in der ein möglicher Abriss diskutiert wird, anders gelagert sind. Problematisch wird es, wenn sich die Diskussion verselbstständigt oder von Interessensgruppen einseitig geführt wird.
 
 
?Ein Kirchenraum hat eine Gemeinde geprägt. Wenn man diesen Raum abreißt und ihn durch einen neuen ersetzt, fürchten Sie längerfristige negative Auswirkungen auf die Gemeinde? Wenn ja, wie kann die Diözese da gegensteuern oder Hilfestellung geben? 
Hillenbrand: Entscheidend ist, den Menschen klarzumachen, dass der Abriss ihrer Kirche nicht die Einstellung des kirchlichen Lebens bedeutet. Die damit verbundene Herausforderung besteht darin, die äußere Abbruchsituation mit einer „inneren Aufbruchstimmung“ zu verbinden. Das ist gewiss nicht leicht, aber lohnend.
 
 
?Wie geht die Kirche mit der Betroffenheit der Menschen vor Ort um?
Lenssen: Wenn ein Prozess dahin kommt, dass die Frage eines Abrisses im Raum steht, werden mit den örtlichen Gremien – und zwar nicht nur den kirchlichen Gremien, sonder auch mit den politischen – Gespräche geführt. Dazu gehen Vertreter des Ordinariates in die Gemeinde. Beispiel: Waigolshausen. Da war ich jetzt mittlerweile schon auf dem dritten Pfarrfamilienabend. Gemeinsam mit den Menschen den Weg beschreiten, ist unsere Vorgehensweise. Es geht ja nicht an, dass wir quasi per Dekret beschließen, jetzt wird abgerissen, und die Gemeinde mit dieser Mitteilung konfrontiert wird. Der Prozess muss langsam erfolgen, so dass die Einsicht vor Ort sich auch einstellen kann – jenseits aller Emotionen – ,dass dieser Schritt vielleicht ein zwingender ist. Und da haben wir mit einer Ausnahme, wo uns diese Möglichkeit nicht gegeben war, gute Erfahrungen gemacht. 
 
? Können Sie dem Thema „Abriss von Betonkirchen“ auch Positives abgewinnen? 

Lenssen: Die Kirchen, die bei uns nun zum Abriss anstehen, Himmelstadt, Waldfenster und Waigolshausen, sind Kirchen mit hohem Schadensumfang. Diese Kirchen sind zu einer Zeit gebaut worden, als man an einen Zuwachs an Gläubigen dachte, der sich nicht eingestellt hat. Die Kirchenräume sind viel zu groß. Alleine in ihrer liturgischen Gestaltung richten sich diese Räume an eine große Gemeinde. Für Individualfrömmigkeit waren kaum adäquate Plätze geschaffen worden. Als Diözese haben wir immer den Standpunkt vertreten, dass wir der Gemeinde nicht die Kirche nehmen. Es wird nicht Tabularasa geschaffen, sondern wenn abgerissen wird, muss ein zweiter Bau, sei es ein überkommener alter oder ein Neubau, die Nachfolge der abgerissenen Kirche antreten. Auch haben wir, gerade beim Thema Neubau, aber auch teilweise bei der Resakralisierung der Altbauten, darauf großen Wert gelegt, dass den liturgischen und den pastoralen Bedürfnissen und Notwendigkeiten in stärkerem Maße Rechnung getragen wird. Ebenso, dass die Gemeinden sich nicht in diesen Räumen quantitativ verlieren, sondern dass sie eine neue Erfahrung von Liturgie gewinnen.

 

Das komplette Interview  finden Sie im Würzburger katholischen Sonntagsblatt vom 7. März 2010. Am besten bestellen Sie es sich gleich zum Probelesen – kostenlos und unverbindlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
Veröffentlicht: 02.03.2010 Interview: Matthias Risser Jerzy Staus
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