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Würzburger katholisches Sonntagsblatt  > Nachrichten
Schwester Bertwina Caesar aus Theilheim lebt seit 1937 in Korea
Nicht mehr losgelassen
Ihr lebendiges Lachen und ihr unvergleichlicher Humor verleihen dieser außergewöhnlichen Frau immer noch einen Hauch von Jugendlichkeit. „Wissen Sie, Korea hat mich schon als junges Mädchen nicht mehr losgelassen“, gesteht Schwester Bertwina. Damals ahnt sie nicht, durch welche „Feuertaufe“ sie in der Folgezeit gehen würde.
Zum Gruppenfoto trafen sich (von links): Abt em. Odo Haas (Gemünden), Schwester Christa Lee, Bruder Bonaventura Schuster (Augsburg), Schwester Bertwina Caesar, Pater Elmar Lang (Kleinostheim), Bruder Mario Kim.
Mit einem herzlichen Lachen kommt mir Schwester Bertwina in Taegu/Südkorea entgegen und um­armt mich. Ihre lebendig funkelnden braunen Augen schauen mich neugierig an: „Wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen“, sagt sie, geschrieben haben wir uns ja schon öfter“. Wenn ich in das offene, freundliche und interessierte Gesicht von Schwester Bertwina schaue, halte ich es kaum für möglich, dass diese Frau schon 95 Lebensjahre hinter sich gelassen hat.
 
Sicher, das Leben hat seine Spuren in dem von Falten gezeichneten Gesicht der Ordensschwester hinterlassen. Doch ihr lebendiges Lachen und ihr unvergleichlicher Humor verleihen dieser außergewöhnlichen Frau immer noch einen Hauch von Jugendlichkeit. „Wissen Sie, Korea hat mich schon als junges Mädchen nicht mehr losgelassen“, gesteht Schwester Bertwina. Im Jahr 1937 kommt Schwester Bertwina Caesar als Novizin der Missionsbenedikti­nerinnen von Tutzing im Norden des zu dieser Zeit noch nicht geteilten Koreas an. Damals ahnt sie nicht, durch welche „Feuertaufe“ sie in der Folgezeit gehen würde.
 
Als Schwester Bertwina als Paulina Caesar 1914 in Theilheim geboren wird, hat der erste Weltkrieg gerade begonnen. Inspiriert durch die spannenden Briefe ihrer Tante, Schwester Galla Caesar, Missionsbenediktinerin von Tutzing und auf den Philippinen tätig, wächst auch in Paulina der Wunsch als Missionsbenediktinerin zu leben. Ihre ein Jahr ältere Schwester Aurelia schlägt den gleichen Weg ein; sie erhält schon 1932 ihre Sendung auf die Philippinen, wo sie als Schwester Brigida Tausende von philippinischen Kindern als Lehrerin unterrichtet. Sie verstarb im letzten Jahr. 
 
1937 beginnt Schwester Bertwina ihr Noviziat in Tutzing und wird noch im gleichen Jahr nach Korea entsandt. Nach einer vierwöchigen Schiffsreise erreicht sie das Ziel. In Wonsan, im heutigen Nordkorea, legt sie 1938 ihre Profess ab. Neben der für Europäer schwierigen koreanischen Sprache muss sie sich mit der japanischen Grammatik vertraut machen, da Korea zu dieser Zeit von den Japanern besetzt ist und der Unterricht in den Schulen in Japanisch erteilt wird. 
 
In diesen ersten Jahren widmet sich Schwester Bertwina dem schulischen Religionsunterricht, der Tauf-, Erstkommunion- und Firmvorbereitung sowie der Einführung und Ausbildung der jungen koreanischen Schwestern. 1949 setzt der Koreakrieg dem begeisterten missionarischen Engagement der damals 35-jährigen Ordensfrau ein jähes Ende. Nach drei Monaten Einzelhaft und einem Monat menschenverachtender Schikane im Gefängnis von Pjöngjang wird sie mit 17 Patres und 20 Brüdern der Missionsbenediktiner sowie weiteren 19 Mitschwestern in das Zwangsarbeitslager Oksadok geschickt und während des Koreakrieges dort gefangen gehalten.
 
Viereinhalb Jahre dauert diese wohl schlimmste Zeit in ihrem Leben, die geprägt ist von härtester körperlicher Arbeit, Hunger, Auszehrung und permanenten Schikanen des Wachpersonals. Ein drei Monate dauernder Todesmarsch bis an die Grenze der Mandschurei fordert seine Opfer in der Gruppe der Missionare. Vier Benediktiner sterben an Auszehrung oder erfrieren. Für die Überlebenden geht die unmenschliche Arbeit auf den Feldern oder beim Brennen von Holzkohle in Oksadok weiter. 
 
Was gibt der Gruppe der Schwestern und Brüder unter diesen absolut unmenschlichen Bedingungen die Kraft so lange durchzuhalten? Schwester Bertwina erzählt, wie wilde Trauben und eine Handvoll Weizenkörner, Grundlagen für die eucharistischen Gaben von Brot und Wein, die Feier der Heiligen Messe, in dieser schier ausweglos scheinenden Situation ermöglichen. Unter den primitivsten Bedingungen können die Brüder auch einen kleinen Tabernakel zimmern. „Christus war unter uns“, sagt Schwester Bertwina und ihr Blick wird ernst und nachdenklich. „Christus war unter uns“ – das Vertrauen auf seine Gegenwart gibt den Missionarinnen und Missionaren die Kraft zum Durchhalten.
 
Eine weitere Quelle der Kraft ist die Gemeinschaft der Patres, Brüder und Schwestern, die sich immer wieder gegenseitig stützen, ermutigen und unter die Arme greifen. Schwester Bertwina erinnert sich an einen Wachposten, der eines Tages feststellte: „Wenn die auch nur eine Bohne haben, dann wird die auch noch geteilt“. Und noch eine, fast unglaubliche Geschichte aus der Lagerhaft weiß Schwester Bertwina zu erzählen: Ihre Mitschwester Chrysostoma ist sehr kreativ und schreibt gerne Theaterstücke.
 
Das Problem ist nur, dass die Missionare keine Notizen machen dürfen und nirgendwo Papier vorhanden ist. Folglich sammeln die Schwestern jeden kleinen Papierschnipsel, den das Wachpersonal unachtsam weggeworfen hat, heimlich auf. Auf diese Minizettelchen schreibt Schwester Chrysostoma ihre Theaterstücke. Schwester Bertwina erzählt, wie sie auf dem Weg zur Feldarbeit versucht, ihre Rolle auswendig zu lernen. „Da ist so manche Träne geflossen“, gibt sie zu, da sie sich vor Hunger oder Übermüdung gar nicht konzentrieren konnte. Doch die Aufführung dieser Theaterstücke am Namenstag der Priorin lässt die Schikane des Lagerlebens für kurze Zeit vergessen und beschert den Schwestern und Brüder unvergessene frohe Stunden. 
 
Anfang 1954, nach fast fünf Jahren Gefängnis und Zwangsarbeitslager werden die Benediktinerinnen und Benediktiner nach Deutschland entlassen. 17 Mitglieder des Ordens überleben diese Zeit nicht. Acht weitere Benediktiner – unter ihnen der Abtbischof Bonifatius Sauer – sterben im Gefängnis von Pjöngjang oder werden von den kommunistischen Machthabern erschossen.
 
Nach vier Jahren, in denen sie die Leitung der Missionsschule innehat und Subpriorin der Gemeinschaft in Tutzing ist, freut sich Schwester Bertwina sehr, dass sie 1958 in ihr „geliebtes Korea“ zurückkehren kann. In Taegu /Südkorea übernimmt sie verschiedene Aufgaben: als Zelatrix in der Ausbildung der Novizinnen, als Oberin in einem Lungensanatorium und als Sozialarbeiterin hat sie besonders die „Ärmsten der Armen“ im Blick.
 
Mit 95 Jahren lebt Schwester Bertwina heute im Prioratshaus in Sasu-dong, am Stadtrand der 2,5 Millionstadt Taegu. An der Welt und den Menschen nimmt sie weiterhin lebendig Anteil. Bis vor zwei Jahren schrieb sie alle ihre Rundbriefe selbst auf ihrem Computer. Heute übernimmt das ihre treue Begleiterin, die koreanische Mitschwester Christa, die in Deutschland zur Krankenschwester ausgebildet wurde. Sofern es das Wetter zulässt, geht Schwester Bertwina mit Stock oder Rollator im Gelände des Prioratshauses spazieren und macht sich noch mit der kleinen Handhacke beim Unkrautjäten nützlich.
 
Auch wenn Bertwina intensive Beziehungen zu ihren Verwandten in Theilheim bei Schweinfurt pflegt, wird sie nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Korea, das Land, das sie schon als junges Mädchen angezogen hat, ist ihr Heimat geworden. Ihre koreanischen Mitschwestern schenken ihr, der letzten deutschen Missionsbenediktinerin in Korea und letzten Überlebenden des Lagers in Oksadok sehr viel Aufmerksamkeit und Zuneigung. Dankbar für die Begegnung und die Gespräche mit Schwester Bertwina klingen in mir noch die Worte der Priorin, Schwester Lumen nach: „We all love her so much!“ – „Wir lieben sie alle so sehr!“
 
Veröffentlicht: 09.02.2010 Christiane Hetterich
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